Erinnerung Braucht Zukunft

Die Adresse Friedberger Anlage 5-6 steht sowohl für die Vielfalt jüdischen Lebens in Frankfurt am Main als auch für dessen Zerstörung. Hier fanden Brandstiftung und Vernichtung der Synagoge unter den Augen der Frankfurter Bevölkerung statt. Ausgerechnet hier erfolgte 1942/43 die Errichtung eines Schutzbunkers als Zufluchtsort vor dem Bombenkrieg.

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Nutzungs- und Gestaltungskonzept der Initiative 9. November für den Ort der ehemaligen Synagoge an der Friedberger Anlage

Seit Gründung der „Initiative 9. November“ vor mehr als 20 Jahren hat sie die Frage beschäftigt, was aus dem Ort des Bunkers in der Friedberger Anlage werden könnte, konkret, mit welchen Mitteln ein lebendiger Ort des Gedenkens, des Lernens und der Begegnung zu erreichen ist, ein Ort, der zukünftig der Dokumentation der Geschichte und Wirkung der nationalsozialistischen Verfolgung in Frankfurt und der Bedeutung der Israelitischen Religionsgesellschaft gewidmet ist und ein Ort des  Handelns gegen Rassismus und Antisemitismus.

Nachdem feststand, dass der Bunker aus dem Zivilschutz „entlassen“ worden ist und sich die Stadt Frankfurt bei der Bundesregierung um seinen Erwerb bemüht, hat die „Initiative“ konkrete Vorschläge zur Nutzung des Bunkers erarbeitet. Es bleibt unser Ziel, diesen besonderen Ort zum Sprechen zu bringen und seine Geschichte und deren sich überlagernde Schichten und Bedeutungsebenen offen zu legen: die Israelitische Religionsgesellschaft und ihre ehemalige Synagoge, ihre Zerstörung während der Novemberpogrome und die Errichtung des Bunkers wie dessen Nachkriegsgeschichte.

Das Gebäude

Das Bunkergebäude ist ein monolithischer Klotz aus Stahlbeton. Er misst 40 mal 20 Meter und ragt 16 Meter aus der Erde. Er birgt sechs Geschosse – ein Untergeschoss, ein Erdgeschoss und vier Obergeschosse. In den Ecken liegen vier Treppenhäuser, von denen die östlichen nur bis ins 2. Obergeschoss führen. An den Ecken befinden sich die vier Eingänge, die, als Druckschleusen ausgebildet, mehrfach verwinkelt sind. Die Außenwände sind 1,60 m dick und die oberste Schutzdecke 2,50 m. Die Geschosse weisen jeweils knapp 600 Quadratmeter Nutzfläche auf. Insgesamt beträgt diese also etwa 3.000 qm – ohne das Untergeschoss, in dem sich die Lüftungsmaschinen und ein riesiger Luftfilter befinden. Im Zuge der Nachrüstung Ende der 80er Jahre ist der Bunker mit Beleuchtung, Lüftung und Sanitärräumen ausgestattet worden.

Künftige Nutzung: Ort der Erinnerung, der Debatte, des Lernens und der Begegnung

Ergebnis unserer Sondierungen und Debatten ist die Überzeugung, dass der Bunker ein wichtiger Teil des Netzwerks über den Nationalsozialismus darstellen sollte. Unsere Vorstellung ist – in enger Kooperation mit den übrigen kulturellen Institutionen, vor allem mit dem JüdischenMuseum – unter dem Titel „Ort der Erinnerung, der Debatte, des Lernens und der Begegnung” verschiedenartige Räume einzurichten, wobei der rohe, abweisende Charakter des (fensterlosen) Bunkers erhalten bleiben sollte.

Unser Konzept sieht im Einzelnen vor:

  • Schaffung eines Saales zur Durchführung verschiedener Veranstaltungen etwa mit Schulklassen, für Lehrerfortbildung, oder auch Filmvorführungen
  • Räume für Dauer- und Wechselausstellungen über die Verbrechen der NS-Zeit in Frankfurt, vor allem über die Deportationen aus Frankfurt (in Kooperation mit dem Jüdischen Museum), aber auch zu aktuellen Themen von Flucht und Vertreibung sowie Migration in Frankfurt
  • Räume für Archive und Forschungsarbeit sowie für Dokumentationen (beispielsweise würde Joachim Carlos Martini das “Archiv Jüdische Musiker und Musikerinnen in Frankfurt” gerne einbringen.)
  • einen großen Tagungs-, Büro- und Archivraum für die „Initiative 9. November“
  • darüberhinaus Räume für ähnliche Frankfurter Initiativen wie den „Studienkreis deutscher Widerstand“ und das “Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt“.

Der Bunker soll unter der Betonung von Differenz und Vielfalt eine wichtige Rolle für die Stadtgesellschaft spielen. Inhaltlich aber soll weniger ein „musealer“ Ort sondern ein „sozialer“ Ort geschaffen werden.

Die architektonische Umgestaltung des Bunkers bedarf einer längerfristigen Planung.

Wir schlagen allerdings schon jetzt eine kleine, machbare Umgestaltung des vorderen Bunkerterrains als erste Stufe vor, die auch auf die augenblicklich äußerst unwirtliche Situation entlang der vielbefahrenen, lauten Straße reagiert.

  • Freilegung eines Großteils der hinteren Synagogenfundamente, die sichtbar und zugänglich gemacht werden sollen.
  • Einfriedung des Grundstücks etwa durch die Einrichtung eines ruhigen Vorhofs, der so auch besser für Veranstaltungen genutzt werden könnte. Die Einrahmung des Geländes könnte in einer einfachen zwei Meter hohen Mauer bestehen.
  • Alternativ dazu wäre zur Abschirmung des Grundstücks und zur Schaffung eines ruhigen Vorplatzes auch eine transparente, von der Straße aus einsehbare Lösung denkbar: eine massive Glaswand, die zugleich Bild- und Schriftträger zur Bezeichnung des Ortes und derart Teil eines „Lernpfades“ sein könnte.
  • Die Einrichtung eines Lernpfades um den Bunker herum: An den Außenwänden des Bunkers sollen große Fotos und Tafeln angebracht werden. Diese permanente Freiluftausstellung behandelt Themen wie:  
    – Frankfurter jüdisches Leben bis 1938 
    – Bilder und Zeugnisse der Zerstörung 
    – Jüdisches Leben nach 1945.
  • Bezug zu Großmarkthalle als Ausgangspunkt der Deportationen: Von der Friedberger Anlage 5 – 6 führt der „Lernpfad“ weiter zur Großmarkthalle. Er zeichnet den Weg nach, den die Deportierten gegangen sind: Hanauer Landstraße/Uhlandstraße bis zur Ostendstraße/ Sonnemannstraße. 

An ausgewählten Stellen werden Informationstafeln angebracht, z.B.    
– in der Ostendstraße 18 zur Haftstätte der Gestapo, in der seit dem Frühjahr 1943 die letzten jüdischen Frankfurter inhaftiert waren,   
– Uhlandstraße/Ecke Weiherstraße über die umliegenden Ghettohäuser. Der Lehrpfad führt schließlich von dort zum geplanten Mahnmal am Stellwerk der Großmarkthalle.

Langfristig:   ein architektonisches Zeichen setzen

Die „Initiative“ ist sich einig über das fernere Ziel, nach der Realisierung eines Nutzungskonzepts langfristig auch eine bauliche Umgestaltung des Bunkers anzugehen. Genauer gesagt: es muss ein deutliches architektonisches Zeichen gesetzt werden, ein Zeichen, das irritiert und die vielschichtigen Ebenen der Geschichte aufbricht.

Wir halten einen Lichtkeil für ein besonders geeignetes Mittel zum Zweck. Der Lichtkeil öffnet den Bunker, zerstört seine Funktion als Schutzraum und macht gleichzeitig seine bauliche Struktur sichtbar. Dabei wird deutlich, was 1,60 m dicke Betonwände bedeuten. Man weiß das zwar von den Plänen her, aber was sind 1,60 m erst in der Realität! Mit diesem Keil wird das Kriegsbauwerk „entbunkert“. Wir zeigen: Es ist ein Bunker gewesen, es kann nie wieder ein Bunker sein.

Der Lichtkeil übernimmt aber auch wichtige praktische Funktionen. Er bringt Licht und Luft in das Bunkerinnere, er nimmt im Erdgeschoss den Eingang auf und eröffnet auch die Möglichkeit, im Untergeschoss einzelne Reste der Synagoge zu sehen und zu erreichen. Er wird zum zentralen, mehrstöckigen Raum.

Wie wird es im Innern des Bunkers aussehen? Da gibt es zunächst helle, natürlich belichtete Bereiche um den Lichtkeil herum und dunkle. Das hat eine einfache Zonierung zur Folge. Während im Hellen sich Plätze des Arbeitens und Zusammentreffens befinden, liegen im Dunkeln Ausstellungs- und Archivräume. In der Mitte könnte durch die partielle Wegnahme von ein oder zwei dünnen Geschossdecken ein kleiner Veranstaltungssaal für verschiedene Nutzungen entstehen, also für Filme, für Vorträge, für Lesungen oder für Debatten. Dieser Saal könnte im Grund- und Aufriss eine freie, eigenständige Form aufweisen. Er bildete den neuen Kern des Gebäudes.

Einbeziehung der direkten Umgebung: Das Heine-Denkmal

Schließlich ist das Bunkergelände besser mit dem städtischen Raum zu verbinden. Augenblicklich ist der Bunker aus der Friedberger Anlage fast nicht zu sehen. Starker Bewuchs verhindert die Sicht. Das war nicht immer so. Ursprünglich lag die Synagoge sogar in einer Sichtachse von der Zeil her. Ein geradliniger Weg führte dorthin. Beim Betrachten alter Stadtkarten fällt noch eine weitere, den Stadtraum gestaltende Komposition auf. Im Jahre 1913, also sechs Jahre nach der Einweihung der Synagoge, wurde als Pendant zu ihr auf der Nordseite der Zeil das Heinrich-Heine-Denkmal, das erste öffentlich zugängliche in Deutschland, aufgestellt – Heine im einst jüdischen Viertel.

Auf der Zeil blickte man aus der Stadt kommend geradeaus auf das Uhrtürmchen und jeweils im selben Winkel nach rechts auf die Synagoge und nach links auf das Heine- Denkmal. Eine städtebauliche Konzeption. Das Heine-Denkmal, von Georg Kolbe entworfen, zeigt nicht, wie damals üblich, den Dichter, sondern als Allegorie seine Dichtkunst: einen tanzenden jungen Mann vor einer lagernden jungen Frau. Von den Nazis gleich nach der Machtübernahme geschändet, überlebte das Denkmal wie ein Wunder im Garten des Städels und wurde 1947 in der Taunusanlage wieder aufgerichtet.

Nun ist von offizieller Seite vorgeschlagen worden, das Heine-Denkmal wieder zurückzuholen. Der alte Standort ist allerdings inzwischen durch einen Erdgascontainer verbaut. Daher wurde die Idee geboren, es in Blickbeziehung zum Bunker auf der Südseite der Zeil aufzustellen. Dies soll anlässlich der notwendigen Grundsanierung der Friedberger Anlage geschehen. Bei dieser Sanierung soll die Präsenz des Bunker-Synagogen-Orts deutlich hervorgehoben und möglicherweise auch ein gesicherter Überweg über die Fahrbahn geschaffen werden. So jedenfalls lauten die Vorschläge, die während einer Begehung mit Vertretern der Stadtverordneten, des Ortsbeirats, des Grünflächenamts und des Kulturamts entwickelt worden sind. Aus unserer Sicht ist das ein gelungener Ansatz, den Bunkerort enger in die historische Stadtlandschaft einbeziehen zu können.

Abschliessend sei noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das hier vorgelegte Nutzungskonzept der Initiative 9. November je nach Realisierungsmöglichkeiten und -mitteln schrittweise zu entfalten ist. Es ist nicht abgeschlossen, sondern als Prozess zu verstehen, zukunftsoffen für Modifikationen.

Initiative 9. November e. V.

Frankfurt am Main, im September 2009

Musik als Form geistigen Widerstandes

Band 1

Joachim Carlos Martini
Musik als Form geistigen Widerstandes 1
Jüdische Musikerinnen und Musiker 1933-1945.
Das Beispiel Frankfurt am Main
Texte, Bilder, Dokumente

Unter Mitarbeit von Birgit Klein und Judith Freise

Eine reich illustrierte zweibändige Dokumentation der Verfolgung, aber auch des Widerstandes jüdischer Musikerinnen und Musiker in Frankfurt am Main unter der Naziherrschaft. Da Frankfurt neben Berlin das Zentrum jüdischen Musiklebens in Deutschland war, hat Martinis Werk exemplarische Bedeutung.

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Steine der Erinnerung

Aus der Geschichte lernen? Welches Arbeitskonzept soll in Zukunft am Ort der ehemaligen Synagoge realisiert werden? Frankfurt am Main, Theaterhaus Frankfurt, Schützenstraße 12, 8. Juni 2008, Kurt Grünberg, Initiative 9. November e.V.

„Die Ermordeten sollen noch um das einzige betrogen werden, was unsere Ohnmacht ihnen schenken kann, das Gedächtnis“ (Adorno, „Ob nach Auschwitz sich noch leben lasse“, S. 33) Wie soll man eigentlich „aus der Geschichte lernen“? Einige der Anwesenden mögen sich an den Geschichtsunterricht in der eigenen Schulzeit erinnern. Da sollten eher emotionslos Daten und Fakten gelernt werden, für die sich oftmals kaum einer interessierte. Oder man interessierte sich doch; dann forderten manch‘ eifrige Lehrerinnen oder Lehrer dazu auf, die geschichtlichen Ereignisse nicht durch eigene Interessen und Haltungen „ideologisch einzufärben“, um sich den – angeblich möglichen – objektiven Blick auf die historischen Geschehnisse „nicht zu verbauen“. Das, was gerade nicht für bedeutsam erachtet wurde, (wo der objektive Blick „wegschaut“), das, woran sich Menschen lieber nicht erinnern, die Auslassungen wären vermutlich viel spannender und lehrreicher gewesen als das für die Jugendlichen Vorgesehene.

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Antisemitismus in Frankfurt

Über Antisemitismus, Neo-Nazis und Zivilcourage in Frankfurt am Main

In letzter Zeit erweisen sich die politische Führung, die Parteien, Justiz, Medien und die Polizei unserer Stadt als unfähig, einen zunehmend offen und zunehmend gewalttätig sich äußernden Antisemitismus wirksam in die Schranken zu weisen. Zur Rechtfertigung ihres Unvermögens weisen ihre Vertreter zwar immer wieder auf die Rechtslage hin, dass NPD und DVU nicht verboten seien. Gleichzeitig erweisen sie sich als blind für die Möglichkeiten, eigene Macht konsequent zu nutzen und zu präsentieren. Ersatzweise rufen sie die Bevölkerung auf, gegen „braune Flut“ und den Antisemitismus Zivilcourage und aufrechte Gesinnung zu zeigen. Zugute halten könnte man dem noch den Gedanken, dass das Problem des Antisemitismus und der Staatsfeindschaft nicht auf die Existenz und Aktivität von rechtsextremen Parteien beschränkt ist und insofern eine Sache aller. Die Ereignisse zeigen jedoch immer wieder, dass couragiertes Handeln angesichts des Ausmaßes von Gewalt, mit der man es zu tun bekommt, Einzelne völlig überfordert und zu sehr ängstigt, zumal sie sich durch das Verhalten von Polizei und Justiz regelmäßig allein gelassen und demotiviert sehen. Wie auch nicht, wenn eine insbesondere durch ihren Legalismus sich selbst lähmende Staatsmacht versagt.

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Immaterielle Zeugnisse

Synagogen in Deutschland. Potentiale digitaler Technologien für das Erinnern zerstörter Architektur

von Marc Grellert

Dieses Buch zeigt am Beispiel von Synagogen in Deutschland Potentiale und Grenzen von 3D-Computer-Rekonstruktionen und des Internets für das Erinnern zerstörter Architektur auf. Im Vergleich mit traditionellen Erinnerungsformen erfolgt eine umfassende Analyse der Bedeutung dieser Technologien für die Erinnerungskultur. Die Untersuchungen beruhen auf langjährigen Erfahrungen des Autors mit Rekonstruktionsprojekten sowie Ausstellungsinstallationen und werden ergänzt durch Interviews mit Museumsfachleuten und Vertretern jüdischer Institutionen.

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Grabungsprojektantrag an Stadt

Antrag auf Förderung einer Studie
zur Vorlage bei der Stadt Frankfurt am Main

Erinnern oder Zerstören:
Zur Gedächtnisfunktion von städtischer Architektur dargestellt am Beispiel der Geschichte der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main

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Antrag Finanzierung Neugestaltung Bunker Eingang

Zwei Schritt vor ein Schritt zurück – Übung in Toleranz

Die „Initiative 9. November“ ist 1988 nach der Räumung des besetzten Börneplatzes entstanden. Die Stadt Frankfurt hatte ihre Bebauungspläne durchge­setzt: Die freigelegten Fundamente der Frankfurter Judengasse am Börneplatz wurden überbaut.

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Erinnerungen von Trude Simonsohn im Herbst 2002

Trude Simonsohn bei der Veranstaltung: Es wären 100 Jahre zum Jubiläum der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. (c) 2007 Edith Marcello

Im Herbst 2002 führten Dr. Beate Scheunemann und Elisabeth Leuschner- Gafga ein Gespräch mit Trude Simonsohn in deren Wohnung im Westend in Vorbereitung der Gedenkfeier zum 27. Januar 2003 im Historischen Museum Frankfurt, die die erinnerungspolitische Gruppe „Ausgegrenzte Opfer“, in der die Initiative 9. November“ jahrelang mitwirkte, organisiert und durchgeführt hat. Diese kleine biografische Skizze folgt der Erzählung Trude Simonsohns und vermittelt auch etwas von der Stimmung während des Gesprächs. Der Text wurde in der Gedenkfeier vorgetragen.

Trude Simonsohn, geb. Gutmann ist 1921 in Olmütz in der Tschechoslowakei, heute Tschechien geboren. Olmütz ist geprägt vom selbstverständlichen, guten und friedlichen Miteinanderleben von Tschechen, Juden und Deutschen im Staate Masaryks. An ihm schätzt Trude Simonsohn, dass er den Juden nicht nur die eigene Religion, sondern auch eine eigene jüdische Nationalität zugestand.

Trude Simonsohn bewegt sich von klein auf in beiden Sprachen. Ohne es zu merken wechselt sie vom Tschechischen ins Deutsche und wieder ins Tschechische. Sie besucht die tschechische Grundschule und hat zusätzlich Privatstunden bei einem deutschen Hauslehrer. Die Eltern legen Wert darauf, dass ihre einzige Tochter eine gute Bildung bekommt und beide Sprachen fehlerfrei beherrscht.

Der Vater stammt aus Bisenz in Südmähren. Er ist Großhändler für Getreide. Die Mutter kommt aus dem Sudetengebiet und führt einen Modesalon für Hüte. Als Modistin ist sie in Wien ausgebildet worden – für die damalige Zeit noch ungewöhnlich. Trude Simonsohn erlebt sie als eine emanzipierte Frau, wie es auch schon die Großmutter war. Diese, früh verwitwet mit vier Kindern, übernimmt eine Stickerei- und Plissieranstalt in Olmütz mit bis zu 15 Angestellten. „Ich war nur von emanzipierten Frauen umgeben“, erzählt Trude Simonsohn „und heute kann ich sagen, meine Mutter hatte ein besonderes pädagogisches Talent.“

Es geht der Familie in Trudes Kindertagen wirtschaftlich gut. Sie selbst wird schon als kleines Kind in den verschiedensten Sportarten unterrichtet. Mit vier Jahren kann sie schwimmen, läuft mit Begeisterung Schlittschuh und Ski, betreibt Leistungssport und gewinnt in Olmütz die Juniorenmeisterschaft im Tischtennis. Heute noch spielt sie mit dem Enkel. Es ist nicht lange her, dass er gewinnt. Beim ersten Mal argwöhnt er, dass die Großmutter ihn extra habe gewinnen lassen. „Wer weiß“, sagt Trude Simonsohn, „ob mir das viele Körpertraining nicht später geholfen hat zu überleben.“

Die Mutter gibt ihren Hutsalon auf, als die ersten Konfektionshüte auftauchen. Für sie ist ein Hut ein Kunstwerk, das für jede Frau individuell entworfen wird. Auch der Vater, erinnert sich Trude Simonsohn, war ein Kunstfreund. Er schätzt schöne Möbel und Bilder. Das Wohnzimmer richtet er ganz im Biedermeierstil ein. Hier steht Trudes Bett. Ihrer kindlichen Erinnerung haben sich diese Möbel besonders eingeprägt. So erkennt sie mühelos nach dem Krieg den väterlichen Biedermeiersekretär in einem Museum in Olmütz. Sie zieht eine Schublade auf und schaut auf ein Foto ihres Vaters.

Der Vater ist Zionist. Ihm vor allem verdankt Trude Simonsohn, dass sie sich schon früh bewußt als Jüdin versteht. Auch politisch orientiert sie sich an ihm. Mit 15 Jahren schließt sie sich der sozialdemokratischen zionistischen Jugendbewegung an: der Makkabi-Hazair. Das bedeutet nicht, dass sie sich anderen Einflüssen in ihrer Umgebung verschließt. Alles ist Teil einer einzigen Welt. Sie haben zuhause zwar keinen Christbaum, aber sie habe sich doch immer an Christbäumen und am Weihnachtsmarkt in dem katholischen Olmütz gefreut.

Ab ihrem 10. Lebensjahr besucht Trude Simonsohn das deutsche Realgymnasium mit 9 Mädchen und 21 Jungen in der Klasse, unter ihnen viele jüdische Schüler. März 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht in Prag ein. Der tschechoslowakische Staat wird zerschlagen. Es entsteht das Protektorat Böhmen und Mähren, jetzt Teil des deutschen Staates.

Ein Jahr vor dem Abitur – Trude Simonsohn ist 18 Jahre alt – geht sie in die Schule, um sich abzumelden und ihr Zeugnis abzuholen. Ihr Klassenlehrer bedauert zutiefst, dass seine gute Schülerin abgeht und will sie halten mit dem Satz: „Ich werde dich beschützen.“ Das hat Trude Simonsohn nie vergessen, auch nicht ihre Antwort: „Ich glaube, Sie können mich nicht schützen.“ „Woher hatte ich die Hellsichtigkeit damals?“, fragt sie sich.

Die Zeiten sind vorbei, in denen der Vater morgens lange schläft und sie in die Schule eilt; die Mahlzeiten – ganz nach böhmischer Küche – mittags wie abends gemeinsam zuhause eingenommen werden und der Vater danach regelmäßig ins Kaffeehaus geht.

Am 1. September 1939 – mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – wird der Vater verhaftet und als Geisel in das KZ Buchenwald verbracht. Trude Simonsohn will nach Palästina. Zur Vorbereitung für ein Leben dort geht sie im April 1939 mit einer Gruppe Gleichgesinnter aufs Land und lebt wie in einem Kibbuz auf einem Gut als Landarbeiterin. Als Mädchen muss sie vor allem Hausarbeit wie Kochen und Waschen verrichten. Sie lernt Melken. Hart ist das Rübenernten. Um sich die Zeit zu verkürzen, dichten sie nach Schiller und Goethe:

„Festgemauert in der Erden steht die Rübe weit im Land,
heute muss die Reihe werden, frisch Gesellen seid zur Hand.
Die Rübe war müde und sprach zum Gras:
„Was ist denn das?
Sagen Sie dem Statkarsch (Gutsbesitzer):
„Leck mich am Arsch.“

Trotzdem hat Trude Simonsohn die Feldarbeit gemocht. Die Fahrt mit dem Ochsengespann, das sie alleine lenkt, ist für sie die Krönung dieser Zeit. Einer Zeit, in der sie in der Gruppe großen Halt findet, wie sie zusammen Iwrit lernen, die Historiker lesen, Martin Buber, Sigmund Freud studieren. Dieser Halt untereinander, die wechselseitige Anteilnahme am Leben der Anderen hat nie aufgehört und stärkt auch heute die Überlebenden.

Später gelangt Trude Simonsohn in den Besitz des wichtigsten Papiers, um nach Palästina einreisen zu können: das Wizozertifikat. Es nützt ihr nichts mehr. Die Deutschen lassen ab 1941 niemanden mehr ins ‚feindliche Ausland‘ reisen. Sie macht weiter Jugendarbeit im Makkabi-Hazair, jetzt illegal seit dem Verbot.

Im Juni 1942 wird Trude Simonsohn verhaftet und als politischer Häftling mit dem Tode bedroht. In der Haft erfährt sie von dem Tod ihres Vaters im KZ Dachau. Die Mutter wird in dieser Zeit nach Theresienstadt deportiert. Der deutsche Polizeipräsident von Olmütz hilft ihr persönlich, dass sie auch nach Theresienstadt kommt. Ab jetzt ist sie kein politischer, sondern „rassischer“ Häftling. Die Hilfe dieses Mannes vergisst sie nicht. Die Deutschen in Olmütz indessen haben sie seit dem Einmarsch deutscher Truppen von heute auf morgen geschnitten.

In Theresienstadt lernt sie Bertold Simonsohn kennen und heiratet ihn nach jüdischem Ritus vor beider Deportation nach Auschwitz. Bevor sie auseinandergerissen werden, verabreden sie, sich in Theresienstadt zu treffen – wenn sie überleben. Im Sommer 1945 sehen sie sich hier wieder. Nach Stationen in Prag, Davos, Zürich und Hamburg kommen sie 1956 nach Frankfurt am Main.

Trude Simonsohn wird immer wieder gefragt, wann und warum sie nach Deutschland zurückgekehrt sei. „Ich bin nicht nach Deutschland zurückgekehrt“, stellt sie klar, „ich kenne Deutschland nur hinter Stacheldraht. Ich bin mit meinem Mann gekommen und ich wäre mit ihm bis ans Ende der Welt gegangen.“

Frankfurt, im Januar 2003 Elisabeth Leuschner- Gafga und Dr. Beate Scheunemann