Zur Erinnerungskultur der Initiative 9. November e.V. – eine Bilanz 2020

Nachdem es der Frankfurter Börneplatzbewegung 1987 nicht gelungen war, die Beseitigung der Fundamente der Judengasse durch die städtischen Behörden zu verhindern, fand sich am Ort Friedberger Anlage 5 -6 eine Gruppe nicht-jüdischer und jüdischer Frankfurter Bürger in der Initiative 9. November e.V. zusammen, um gemeinsam dafür zu kämpfen, dass sich Vergleichbares niemals mehr wiederholt. Der Ort war gezielt gewählt: im Novemberpogrom von 1938 war hier die größte Frankfurter Synagoge, jene der Israelitischen Religionsgesellschaft zerstört worden. In der weiteren Folge wurden die Mitglieder ihrer Gemeinde und schließlich die Juden des Viertels vertrieben und viele von ihnen ermordet. Den Platz ließen die Nazis dann von französischen Zwangsarbeitern mit einem 5-stöckigen Luftschutzbunker überbauen. Als sich die Initiative 1988 mit dem Datum der Pogromnacht in ihrem Namen gründete, war diese Geschichte in Frankfurt fast völlig vergessen.

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Der Luftschutzbunker als „Tatort“

Anmerkungen zu seiner Gedächtnisfähigkeit

Wohnungsvermieter machen die Erfahrung, dass eine Wohnung sich dann schlecht vermieten lässt, wenn die potentiellen Mieter erfahren, dass darin ein Mord oder Selbstmord passiert ist. Früheres Unheil scheint sich in Wänden des Hauses einzunisten und lange fortzuwirken, als ob die schrecklichen Taten die Phantasien und Handlungsneigungen der Nachmieter „anstecken“ und so ein Haus zum Gespensterhaus machen.
Etwas Entsprechendes findet sich im Bunker. Im November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten die Synagoge in der Friedberger Anlage in Frankfurt, vertrieben und ermordeten die Mitglieder ihrer Gemeinde. Die Zerstörung des Gotteshauses ist mit der Besonderheit verbunden ist, dass genau an seiner Stelle von französischen Zwangsarbeitern ein massiver Hochbunker errichtet wurde.
Die umfassende Errichtung von Luftschutzbunkern war bereits lange vor Kriegsbeginn und der Zerstörung der deutschen Innenstädte geplant und Teil der Strategie, einen „totalen Krieg“ zu führen. Bunker sollten diese Kriegsführung nicht nur flankierend absichern, sie waren Kampfinstrument, um eine „seelische und körperliche Mobilma­chung“ der Bevölkerung „an der Heimatfront“ herbeizuführen, bei der letzten Endes sogar die Selbstvernichtung in Kauf zu nehmen war. Luftschutzbunker waren in Wahrheit psychologische Festung, Umerziehungslager und letztlich „Angriffs-Waffe“. Sie waren alles andere als Ausdruck absehbarer nationalsozialistischer Schwäche.
Diese Zweckbestimmung war 1935 von General Ludendorff, Kumpan Hitlers und Antisemit übelster Sorte, als Grundsatzprogramm eines neuen Kriegstyps formuliert worden und nahm Bezug auf Deutungen der Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg.1 Es galt, „die Seelen der Volksgeschwister auf harte Proben zu stellen“. Schwere Leiden sollten sie in den Kampf hineinziehen und kriegsfähig machen. „Im Inneren des Landes bringt der totale Krieg schwere Beunruhigung hervor, Verluste der Bevölkerung durch Fliegerangriffe weit hinter der kämpfenden Front und vielleicht steigender Hunger lassen sie (die Leiden) allgemeiner werden….bei starkem Sprechen der Volksseele in der so erzeugten Todesnot des Volkes und richtiger Einwirkung auf das Volk wird die Geschlossenheit aufrechterhalten, ja sie kann noch inniger werden“. Es gelte „im seelisch geschlossenen Volke den völkischen Willen zur Selbsterhaltung zu wecken“, „das lebende Geschlechte“ mit „den neu heranwachsenden Geschlechtern zusam­menzuschweißen in gemeinsamer Todesnot durch unerbittlichen Feind“ (106). Der Name „Luftschutzbunker“ war also reine Lüge.
Den Bunker Friedberger Anlage auf den Resten der vernichteten Synagoge zu errichten, macht ihn nun darüber hinaus zu einem seltsam mehrdeutigen Instrument der psychologischen und politischen Agitation. Als „Maßnahme der Selbstverteidigung“ sollte der Bunker die Vergangenheit dieses Ortes uminterpretieren und den Pogrom von 38 mit der Zerstörung der Synagoge als ersten Schritt eines Selbstschutzes des deutschen Volkes noch einmal rechtfertigen, als der der Pogrom von Anfang an deklariert worden war. Es ist sicher kein Zufall, dass im gleichen Jahr des Bunkerbaus in Auschwitz die Gaskammern gebaut und in Betrieb genommen wurden. Die Errichtung des Luftschutzbunkers stand in dieser Logik der angeblichen Selbstverteidigung“, die selbst den Holocaust rechtfertigen sollte (im Sinne der Posener Rede Himmlers).

Wie ging es den Menschen bei Bombenangriffen im Bunker?

Besucher des Bunkers heute werden sich die Frage stellen, wie die Menschen mit diesen Zuschreibungen umgingen, wie sie selbst bei und nach den Bombenangriffen sich hier gefühlt haben mögen, wie sie sich all das Bedrohliche und Vernichtete um sie herum erklärt haben? Stellten sie eine Verbindung zu den Trümmern der Synagoge her? Brachten sie sie in Verbindung mit der Zerstörung ganzer Straßenzüge? Hatte die Extremsituation ihren Propagandaglauben erschüttert oder Ludendorffs Erwartungen bestätigt? Empfanden sie die Schuld der Deutschen und erinnerten sie die Verbrechen, die in diesem Stadtviertel, an genau diesem Ort begangen worden waren? Weckte das bei aller Sorge um sich selbst und die eigene Familie, bei aller so gesteigerten Erregung nicht auch ein „altes Ich“, das das Vorausgegangene hervorholte? Oder hatten die manifesten Todesängste all das ausgelöscht?
Es ist nicht möglich, sie nur als Opfer zu sehen. Wohl so ziemlich alle, die 1942 im Ostend lebten und im Bunker Schutz suchten, hatten in der Nachbarschaft dieser großen Synagoge gelebt. Das Viertel galt als jüdisches. Vier Jahre vorher waren sicher nicht wenige Zuschauer oder Täter oder Mitläufer des Pogroms und der Zerstörung gewesen. Und jedes Mal, wenn sie nun bei Bombenangriffen hierhin kamen, hatten sie Reste der Synagoge an ihren Schuhen, stießen sie mit den Füßen auf hier sogar bis heute mehr oder weniger sichtbar um den Bunker herum verstreute Reste der Synagoge, alte Kacheln, Ziegelsteine, Glasscherben, die ganz offensichtlich von der Synagoge stammten (weil die umliegenden Häuser von den Bombardements verschont geblieben waren). Auch lebten vielleicht nicht wenige von ihnen nun in arisierten Wohnungen oder hatten sich mit jüdischem Eigentum bereichert! Rückte ihnen vielleicht sogar das ansonsten ständig verleugnete Wissen über Konzentrationslager nahe, wo zur gleichen Zeit an jenen, denen dieser Ort einmal heilig gewesen sein mochte, genau das exekutiert wurde, vor dem sie gerade selbst bewahrt wurden: Ersticken und Verbrennen?
Es ist nicht schwer sich zu vergegenwärtigen, dass sich die Menschen bei Bombenangriffen im Bunker immer in Zuständen höchster Erregung, in einem psychischen Ausnahmezustand befanden. Die dunklen oder nur schwach erleuchteten, bei Bombeneinschlägen zitternden Räume bildeten einen Vorstellungsraum, in dem sie von massiven Angstvorstellungen bedrängt waren. Zwar werden sie gehofft haben, verschont zu werden und mussten doch immer annehmen, dass ihr Viertel draußen derweil zu Schutt und Asche zerbombt wird, Nachbarn verbrannt oder erstickt waren. Und sie selbst – eingebettet in den Trümmern der Synagoge – im Bunker ihr eigenes Grab fänden?

Was bleibt davon bis heute?

Was sich während der Bombenangriffe in der Vorstellungswelt der Menschen auftat, verknüpfte sich mit den Bunkerwänden und –verhältnissen. Ihre Bilder, Ängste und Erinnerungen dürften aus ihren Köpfen in die Wände des Bunkers wie in einen „Schwamm“ eingesickert sein und in den Staubspuren des Bunkers wiederzufinden sein. Es gibt offenbar so etwas wie bleibende psychische „Gebrauchsspuren“.
Sie zu objektivieren gelingt zwar nicht. Doch kommt man dem Erleben der Menschen von damals nahe, wenn man versucht, sich in sie mit ihren Vorgeschichten, allgemeinen Lebensumständen, Erfahrungen, Ängsten und Motiven hineinzuversetzen. Man kann das als „Psychoarchäologie“ bezeichnen. Es geht um Vergegenwärtigungen, d.h. um innere Ausgestaltungen dessen, was man vom Ort und den Menschen erfahren hat und was man in den originalen Räumen und noch vorhandenen Dingen vorfindet, von dem man weiß, „es war damals dabei“. Wer im Bunker in den ersten Stock geht, tritt nicht nur auf ausgetretene Stufen, berührt nicht nur den eisernen Handlauf, sondern nutzt Stufen und Handlauf von jenen, die zuerst den Bunker nutzten, hier schliefen oder weinten. Man kann sogar vermuten, dass sich eingekratzte Zeichen und Schriften noch im Beton unter den 1986 frisch gekalkten Wänden finden lassen. Wie viel Abrieb von Schuhsohlen ist noch auf den Fußböden oder hängt noch im Bunkerstaub! Wie viel Angstschweiß war buchstäblich von den Wänden aufgesaugt worden. Alles natürlich tausendfach überlagert, durchmischt mit Späterem, aber eben doch vorhanden.
Es geht also weniger um bewusstes Nachdenken, auch nicht um bloße Spekulation, nicht nur um Hören und Sehen oder Lesen, sondern darum, Realia, Dingliches mit den eigenen Vorstellungen in Verbindung zu bringen. Dazu gehört: Berühren, Anfassen, Inhalieren, Atmen, Riechen – eben Körpererleben. Der Beton, die herumliegenden Ziegelsteine oder Glassplitter der Synagogenfenster werden senso-motorisch durchdrungen und mit den „Kontexten des Ortes“ (W. David) verbunden, wie dies bei Dokumenten, Fotos, Replika, aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelstücken nicht möglich ist. Alle Funde bilden ein Ganzes, eine Art Hologramm, in das wir geradezu korporal eindringen können und das uns gleichzeitig mit einbezieht. Das verändert naturgemäß den „erinnerten“ Gegenstand. Er ist nicht mehr fremdes Objekt, sondern „aufgeladen“ durch Erlebnisse und Empfindungen des Betrachters.
Wir treffen uns in dem so imaginativ Veränderten schließlich immer auch selbst mit unserer eigenen Geschichte. Aber genau das macht hier und heute den außerordentlichen „Erinnerungsgewinn“ eines solchen Ortes aus. Der Eigenanteil trägt nämlich maßgeblich dazu bei, dass wir durch diese privaten „Ausmalungen“ der erhaltenen Spuren auf besondere Weise affektiv ergriffen werden. Es sind Zeit- und Gefühlsreisen in alte und zugleich aktuelle, durch die eigene Subjektivität umgestaltete Wirklichkeiten, die auf besondere Weise wahr sind. Letztlich ist es das, was uns oft dazu bringt, uns gesellschaftspolitisch zu engagieren.
Wer das für bloßes Spekulieren hält, dem sei entgegnet, dass ein anderer Erinnerungsmodus gar nicht möglich ist: eine objektive Geschichte, ein von einem solchen subjektiven Eingriff freies autonomes Objekt, Relikt, Ort, Bau, Mensch usw., ohne eigene Zutat, ohne Umkonstruktion gibt es überhaupt nicht. Wir erfahren Geschichte nicht als „flash back“.
Daraus ist abzuleiten: durch diese persönliche „Aufladung“ des Ortes und der hier noch vorhandenen Dinge kann die heutige junge Generation die hier vorhandene Geschichte mit größerer Empathie nachempfinden und nachkonstruieren. Sie wird angeeignet. Die heutigen Besucher kommen dem, was Schutzsuchende früher hier erlebt haben, mindestens der Form nach näher, weil letztere ihre „wirklichen Erlebnisse“ zumeist schuld- und schambedingt entstellt, durch Denkhemmungen verändert haben. Die wissenschaftlichen Belege für solche nachträglichen Entstellungen eigener Geschichte sind zahlreich.
Nachkommende Generationen müssen die Geschichte der damals Lebenden und ihre Taten nun aber nicht mehr fürchten. Die „alten Geschichten“ lassen sich also ohne eigene Schuld imaginativ nacherleben. Das macht dieses sekundäre Erinnern höchst relevant für alle heutige Gedächtnis- und Gedenkstättenpsychologie.
Zu all dem gehört die möglichst bewahrte Originalgestalt des Bunkers. Ebenso gehört dazu, dass die Menschen den Raum, die Gegenstände und Dokumente in der Weite des Bunkers in einem Zustand besonderer Nachdenklichkeit, d.h. möglichst ungestört erleben können und dabei jeder für sich sein kann.
So wird der Bunker in diesem Zustand auch ohne die Zeitzeugen der ersten Generation ein einzigartiger Aufklärer über die örtliche Vergangenheit, die hier begangenen Verbrechen und darüber, wer man früher selbst gewesen sein könnte bzw. heute ist. Wiederholt sei, dass es dafür besonders wichtig ist, die schon einmal nachgewiesenen Fundamente der Synagoge auszugraben. Damit soll der Bunker umrahmt werden und ein architektonischer Zusammenhang entstehen, der die Zerstörung der Synagoge mit dem „totalen Krieg“ in eine ursächliche Verbindung bringt. Deutlicher als jeder Gedenkstein, jedes Denkmal vermag dann dieser Ort die verhängnisvolle Komplexität und Steigerung antisemitischer Verbrechen mitten in Frankfurt unübersehbar darzustellen. Wer die dafür unerlässliche Originalität des Ortes nicht erhalten, grundlegend verändern, den Bunker sogar abreißen will, zerstört all seinen Erkenntniswert.

29.9.19

Wolfgang Leuschner

Antisemitismus in Frankfurt

Über Antisemitismus, Neo-Nazis und Zivilcourage in Frankfurt am Main

In letzter Zeit erweisen sich die politische Führung, die Parteien, Justiz, Medien und die Polizei unserer Stadt als unfähig, einen zunehmend offen und zunehmend gewalttätig sich äußernden Antisemitismus wirksam in die Schranken zu weisen. Zur Rechtfertigung ihres Unvermögens weisen ihre Vertreter zwar immer wieder auf die Rechtslage hin, dass NPD und DVU nicht verboten seien. Gleichzeitig erweisen sie sich als blind für die Möglichkeiten, eigene Macht konsequent zu nutzen und zu präsentieren. Ersatzweise rufen sie die Bevölkerung auf, gegen „braune Flut“ und den Antisemitismus Zivilcourage und aufrechte Gesinnung zu zeigen. Zugute halten könnte man dem noch den Gedanken, dass das Problem des Antisemitismus und der Staatsfeindschaft nicht auf die Existenz und Aktivität von rechtsextremen Parteien beschränkt ist und insofern eine Sache aller. Die Ereignisse zeigen jedoch immer wieder, dass couragiertes Handeln angesichts des Ausmaßes von Gewalt, mit der man es zu tun bekommt, Einzelne völlig überfordert und zu sehr ängstigt, zumal sie sich durch das Verhalten von Polizei und Justiz regelmäßig allein gelassen und demotiviert sehen. Wie auch nicht, wenn eine insbesondere durch ihren Legalismus sich selbst lähmende Staatsmacht versagt.

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Erinnerungen von Trude Simonsohn im Herbst 2002

Trude Simonsohn bei der Veranstaltung: Es wären 100 Jahre zum Jubiläum der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. (c) 2007 Edith Marcello

Im Herbst 2002 führten Dr. Beate Scheunemann und Elisabeth Leuschner- Gafga ein Gespräch mit Trude Simonsohn in deren Wohnung im Westend in Vorbereitung der Gedenkfeier zum 27. Januar 2003 im Historischen Museum Frankfurt, die die erinnerungspolitische Gruppe „Ausgegrenzte Opfer“, in der die Initiative 9. November“ jahrelang mitwirkte, organisiert und durchgeführt hat. Diese kleine biografische Skizze folgt der Erzählung Trude Simonsohns und vermittelt auch etwas von der Stimmung während des Gesprächs. Der Text wurde in der Gedenkfeier vorgetragen.

Trude Simonsohn, geb. Gutmann ist 1921 in Olmütz in der Tschechoslowakei, heute Tschechien geboren. Olmütz ist geprägt vom selbstverständlichen, guten und friedlichen Miteinanderleben von Tschechen, Juden und Deutschen im Staate Masaryks. An ihm schätzt Trude Simonsohn, dass er den Juden nicht nur die eigene Religion, sondern auch eine eigene jüdische Nationalität zugestand.

Trude Simonsohn bewegt sich von klein auf in beiden Sprachen. Ohne es zu merken wechselt sie vom Tschechischen ins Deutsche und wieder ins Tschechische. Sie besucht die tschechische Grundschule und hat zusätzlich Privatstunden bei einem deutschen Hauslehrer. Die Eltern legen Wert darauf, dass ihre einzige Tochter eine gute Bildung bekommt und beide Sprachen fehlerfrei beherrscht.

Der Vater stammt aus Bisenz in Südmähren. Er ist Großhändler für Getreide. Die Mutter kommt aus dem Sudetengebiet und führt einen Modesalon für Hüte. Als Modistin ist sie in Wien ausgebildet worden – für die damalige Zeit noch ungewöhnlich. Trude Simonsohn erlebt sie als eine emanzipierte Frau, wie es auch schon die Großmutter war. Diese, früh verwitwet mit vier Kindern, übernimmt eine Stickerei- und Plissieranstalt in Olmütz mit bis zu 15 Angestellten. „Ich war nur von emanzipierten Frauen umgeben“, erzählt Trude Simonsohn „und heute kann ich sagen, meine Mutter hatte ein besonderes pädagogisches Talent.“

Es geht der Familie in Trudes Kindertagen wirtschaftlich gut. Sie selbst wird schon als kleines Kind in den verschiedensten Sportarten unterrichtet. Mit vier Jahren kann sie schwimmen, läuft mit Begeisterung Schlittschuh und Ski, betreibt Leistungssport und gewinnt in Olmütz die Juniorenmeisterschaft im Tischtennis. Heute noch spielt sie mit dem Enkel. Es ist nicht lange her, dass er gewinnt. Beim ersten Mal argwöhnt er, dass die Großmutter ihn extra habe gewinnen lassen. „Wer weiß“, sagt Trude Simonsohn, „ob mir das viele Körpertraining nicht später geholfen hat zu überleben.“

Die Mutter gibt ihren Hutsalon auf, als die ersten Konfektionshüte auftauchen. Für sie ist ein Hut ein Kunstwerk, das für jede Frau individuell entworfen wird. Auch der Vater, erinnert sich Trude Simonsohn, war ein Kunstfreund. Er schätzt schöne Möbel und Bilder. Das Wohnzimmer richtet er ganz im Biedermeierstil ein. Hier steht Trudes Bett. Ihrer kindlichen Erinnerung haben sich diese Möbel besonders eingeprägt. So erkennt sie mühelos nach dem Krieg den väterlichen Biedermeiersekretär in einem Museum in Olmütz. Sie zieht eine Schublade auf und schaut auf ein Foto ihres Vaters.

Der Vater ist Zionist. Ihm vor allem verdankt Trude Simonsohn, dass sie sich schon früh bewußt als Jüdin versteht. Auch politisch orientiert sie sich an ihm. Mit 15 Jahren schließt sie sich der sozialdemokratischen zionistischen Jugendbewegung an: der Makkabi-Hazair. Das bedeutet nicht, dass sie sich anderen Einflüssen in ihrer Umgebung verschließt. Alles ist Teil einer einzigen Welt. Sie haben zuhause zwar keinen Christbaum, aber sie habe sich doch immer an Christbäumen und am Weihnachtsmarkt in dem katholischen Olmütz gefreut.

Ab ihrem 10. Lebensjahr besucht Trude Simonsohn das deutsche Realgymnasium mit 9 Mädchen und 21 Jungen in der Klasse, unter ihnen viele jüdische Schüler. März 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht in Prag ein. Der tschechoslowakische Staat wird zerschlagen. Es entsteht das Protektorat Böhmen und Mähren, jetzt Teil des deutschen Staates.

Ein Jahr vor dem Abitur – Trude Simonsohn ist 18 Jahre alt – geht sie in die Schule, um sich abzumelden und ihr Zeugnis abzuholen. Ihr Klassenlehrer bedauert zutiefst, dass seine gute Schülerin abgeht und will sie halten mit dem Satz: „Ich werde dich beschützen.“ Das hat Trude Simonsohn nie vergessen, auch nicht ihre Antwort: „Ich glaube, Sie können mich nicht schützen.“ „Woher hatte ich die Hellsichtigkeit damals?“, fragt sie sich.

Die Zeiten sind vorbei, in denen der Vater morgens lange schläft und sie in die Schule eilt; die Mahlzeiten – ganz nach böhmischer Küche – mittags wie abends gemeinsam zuhause eingenommen werden und der Vater danach regelmäßig ins Kaffeehaus geht.

Am 1. September 1939 – mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – wird der Vater verhaftet und als Geisel in das KZ Buchenwald verbracht. Trude Simonsohn will nach Palästina. Zur Vorbereitung für ein Leben dort geht sie im April 1939 mit einer Gruppe Gleichgesinnter aufs Land und lebt wie in einem Kibbuz auf einem Gut als Landarbeiterin. Als Mädchen muss sie vor allem Hausarbeit wie Kochen und Waschen verrichten. Sie lernt Melken. Hart ist das Rübenernten. Um sich die Zeit zu verkürzen, dichten sie nach Schiller und Goethe:

„Festgemauert in der Erden steht die Rübe weit im Land,
heute muss die Reihe werden, frisch Gesellen seid zur Hand.
Die Rübe war müde und sprach zum Gras:
„Was ist denn das?
Sagen Sie dem Statkarsch (Gutsbesitzer):
„Leck mich am Arsch.“

Trotzdem hat Trude Simonsohn die Feldarbeit gemocht. Die Fahrt mit dem Ochsengespann, das sie alleine lenkt, ist für sie die Krönung dieser Zeit. Einer Zeit, in der sie in der Gruppe großen Halt findet, wie sie zusammen Iwrit lernen, die Historiker lesen, Martin Buber, Sigmund Freud studieren. Dieser Halt untereinander, die wechselseitige Anteilnahme am Leben der Anderen hat nie aufgehört und stärkt auch heute die Überlebenden.

Später gelangt Trude Simonsohn in den Besitz des wichtigsten Papiers, um nach Palästina einreisen zu können: das Wizozertifikat. Es nützt ihr nichts mehr. Die Deutschen lassen ab 1941 niemanden mehr ins ‚feindliche Ausland‘ reisen. Sie macht weiter Jugendarbeit im Makkabi-Hazair, jetzt illegal seit dem Verbot.

Im Juni 1942 wird Trude Simonsohn verhaftet und als politischer Häftling mit dem Tode bedroht. In der Haft erfährt sie von dem Tod ihres Vaters im KZ Dachau. Die Mutter wird in dieser Zeit nach Theresienstadt deportiert. Der deutsche Polizeipräsident von Olmütz hilft ihr persönlich, dass sie auch nach Theresienstadt kommt. Ab jetzt ist sie kein politischer, sondern „rassischer“ Häftling. Die Hilfe dieses Mannes vergisst sie nicht. Die Deutschen in Olmütz indessen haben sie seit dem Einmarsch deutscher Truppen von heute auf morgen geschnitten.

In Theresienstadt lernt sie Bertold Simonsohn kennen und heiratet ihn nach jüdischem Ritus vor beider Deportation nach Auschwitz. Bevor sie auseinandergerissen werden, verabreden sie, sich in Theresienstadt zu treffen – wenn sie überleben. Im Sommer 1945 sehen sie sich hier wieder. Nach Stationen in Prag, Davos, Zürich und Hamburg kommen sie 1956 nach Frankfurt am Main.

Trude Simonsohn wird immer wieder gefragt, wann und warum sie nach Deutschland zurückgekehrt sei. „Ich bin nicht nach Deutschland zurückgekehrt“, stellt sie klar, „ich kenne Deutschland nur hinter Stacheldraht. Ich bin mit meinem Mann gekommen und ich wäre mit ihm bis ans Ende der Welt gegangen.“

Frankfurt, im Januar 2003 Elisabeth Leuschner- Gafga und Dr. Beate Scheunemann