Ziele der Initiative 9. November e.V.

Nach der Niederlage um die Ausgrabung des Frankfurter jüdischen Ghettos am Börneplatz darf sich die später auch von Ignatz Bubis eingestandene Fehlentscheidung, die Maingas-Werke zu bauen, an dem Ort der 1938 zerstörten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft auf keinen Fall wiederholen: Die Fundamente einer der schönsten Synagogen in diesem Land müssen ausgegraben und vor Ort sichtbar gemacht werden. Der in der Friedberger Anlage errichtete Hochbunker muss gleichermaßen sichtbar bleiben: als authentisches Mahnmal von Zerstörung und Vernichtung einer Kultur, die freie Religionsausübung, Toleranz und Vielfalt dokumentieren sollte.
Dafür steht die 1988 von einer Gruppe jüdischer und nicht-jüdischer Bürger*innen Frankfurts gegründete Initiative 9. November.

Diese entwickelte ein offenes Arbeitsmodell, das von Institutionen unabhängig und basisdemokratisch organisiert war und ist. Dies ist insbesondere für eine jüngere Generation relevant. Es hat zum Ziel: a) das Lernen und Erinnern als Selbsterfahrungsprozess zu ermöglichen, b) zugleich einen authentischen Dokumentationsort (Ausstellungen) als Tatort und Zeitzeuge des Pogroms 1938 zu schaffen, praktisch zu sichern und weiter auszubauen (Fundamente und Relikte ausgraben), so dass er als Mahnmal Erschrecken wachhält und dauerhaft in die Stadt und das Land hineinwirkt, c) die Möglichkeiten zukünftiger generationsübergreifender Erinnerungsmethoden auch wissenschaftlich zu erkunden, insbesondere wie politisches Engagement gefördert werden kann.

Diesen geschichtlich bedeutsamen Ort in unserer Stadt möchten wir Ihnen bezüglich seiner Bedeutung, aktuellen Nutzung und zukünftigen Gestaltung näherbringen.

Bedeutung des Ortes

Mehr als bisher müssen die einzelnen historischen Schichten expressiv herausgestellt und gestaltet werden:

  • Bau und Einweihung der prächtigen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft 1907 als Hoffnungszeichen für das Zusammenleben im 20. Jahrhundert
  • Naziterror; Zerstörung der Synagoge und der IRG 1938; Emigration sowie Deportation und Ermordung ihrer Mitglieder
  • Bau des Luftschutzbunkers als Architektur des Angriffskrieges unter Einsatz von Zwangsarbeitern 1942/43
  • Erster Gedenkort von Überlebenden am ersten von der Stadt Frankfurt errichteten Gedenkstein ab 1946
  • Notunterkunft für Archive und Möbel; Verdrängung und Verleugnung der Geschichte nach dem 2. Weltkrieg
  • Modernisierung zum ABC-Bunker im Kalten Krieg 1986
  • Öffnung, Ausgestaltung des Bunkers und Betreuung des Ortes seit 1988 durch die Initiative 9. November e.V. als Demonstration der Zivilgesellschaft

Kurze Chronologie

Im Herbst 1987 fand die Baustellenbesetzung am Börneplatz statt. Daraus resultierten u.a. folgende Entwicklungen:

  1. Schaffung des Museums Judengasse und des Mahnmals Börneplatz
  2. „Wiederentdeckung“ der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in der Friedberger Anlage am Ort des Hochbunkers und Gründung der Initiative 9. November e.V. durch jüdische und nichtjüdische Frankfurterinnen und Frankfurter

Die Initiative 9. November ist seit 1988 vielfältig aktiv und hat den Ort mit Leben erfüllt. Es begann mit Namenslesungen aus dem Buch von A. Diamant und jährlichen Gedenkveranstaltungen zum 9. November vor dem Bunker sowie breit angelegten Debatten zur Bedeutung dieses Ortes.

Es folgten ab 2003 durch Anmietung des Erdgeschosses und Einrichtung der Ausstellung „Ostend – Blick in ein jüdisches Viertel“ regelmäßige Sonntags-Öffnungen von Frühjahr bis Dezember sowie öffentliche Vorträge, Zeitzeugengespräche, Diskussionsforen, Filme, Lesungen, musikalische und andere Veranstaltungen zur Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens; insbesondere auch Führungen für Schulklassen und Fortbildungen für Lehrer. Regelmäßig Thema waren auch Beobachtungen und Erkenntnisse zu aktuellem Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit.

Die Forschung zur IRG sowie zu Bau und Zerstörung der Synagoge wurde v.a. durch Zeitzeugengespräche vertieft.

2005 wurden zusammen mit Schüler*innen und einer Fachfirma Probeausgrabungen der Grundmauern der Synagoge vorgenommen. 2007 fand die große Gedenkveranstaltung „Es wären  100 Jahre …“ statt.

Kontinuierlich bzw. punktuell war die Zusammenarbeit mit Jüdischem Museum, Fritz-Bauer-Institut, Jüdischer Gemeinde, Studienkreis deutscher Widerstand, Kulturdezernat, vielen anderen Initiativen sowie mit städtischen Vertretern. Mehrere Publikationen finden sich im Verlag Brandes & Apsel.

2007 wurde der Bunker aus dem Bundeszivilschutz entlassen. Die Stadt Frankfurt erwarb ihn als zu erhaltende Gedenk- und Erinnerungsstätte zu einem symbolischen Preis und der Auflage zur Vermietung an die Initiative 9.November.

Ab 2016 wurde uns durch eine selbst erwirkte und finanzierte Baugenehmigung die dauerhafte Nutzung vom Keller bis zum 1. Obergeschoss genehmigt. Dadurch wurde die Aufstellung weiterer Ausstellungen möglich: „Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt am Main in die Waldschmidtstraße“ (Bergmiller und Leuschner), „Musik als Form geistigen Widerstands – Verfolgte Frankfurter Musikerinnen und Musiker“ (Martini und Freise) und „Jüdisches Leben heute“ (Herlich).

2018 fand die große öffentliche Feier zum 30jährigen Jubiläum der Initiative mit zahlreichen Redner*innen, Ehrengästen und Besuchern am Ort statt.

Ausblick

Es ist essentiell wichtig, dass dieser Ort als Erinnerungsstätte mit Mahnmal sowie Begegnungs- und Veranstaltungsraum erhalten bleibt. Er muss allerdings weiter zum „Sprechen“ gebracht werden: v.a. durch Offenlegen der (noch im Erdreich vorhandenen) Synagogen-Grundmauern und Erschließung aller Bunkerebenen für weitere Aktivitäten.

Die ersten Schritte dafür sind getan: die Stadt (das ABI) betreibt die Planung für eine dauerhafte Nutzung aller Etagen. Das Archäologische Museum will eine Konzeption für die Ausgrabungen vorlegen. Die Initiative 9. November bereitet die möglichst baldige Eröffnung der „Synagogen- Ausstellung“ vor, eine weltweit gezeigte Wanderausstellung des Auswärtigen Amts mit der virtuellen Rekonstruktion bedeutender Synagogen in Deutschland. Diese Ausstellung wird in Frankfurt dauerhaft beheimatet.

Den Ort der zerstörten Synagoge mit dem Weltkriegsbunker könnte man als Antipode zu einem anderen, historisch sehr bedeutsamen Ort in Verbindung bringen: der Paulskirche, die nach Plänen der Stadt zum Zentrum für Demokratie aufgewertet werden soll. Sie steht für das Werden einer republikanischen Ordnung in Deutschland, der „Bunker“ für deren Zerstörung durch antidemokratische und mörderische Kräfte. Beide Einrichtungen zusammen kennzeichnen die deutsche Geschichte. Es wäre wichtig, diesen übergeordneten Kontext ins Blickfeld zu rücken.

Die Initiative 9. November e.V. engagiert sich weiterhin mit fundierten und öffentlich wirksamen Aktivitäten. Der umgestaltete Ort könnte sich dazu eignen, weit über die Grenzen der Stadt Frankfurt an die nationalsozialistischen November-Pogrome zu erinnern und zugleich in Gegenwart und Zukunft gegen organisierten Hass, Antisemitismus, Verfolgung und Vernichtung nicht nur ein Zeichen zu setzen, sondern auch einen Ort zur Auseinandersetzung mit den früheren und aktuellen Schreckensszenarien zu schaffen, die das tolerante Zusammenleben der Menschen bedrohen oder gar unmöglich machen.

Für die Initiative 9. November e.V.

Professor D.W. Dreysse, Dr. phil. Kurt Grünberg, Elisabeth Leuschner-Gafga




Bunkerkonzept

von Diwi Dreysse, 25.01.2017

Seit dem Bestehen der Initiative 9. November, also seit 20 Jahren, hat es viele Ideen gegeben, was aus dem Ort des Bunkers in der Friedberger Anlage werden könnte. Alle kreisten mehr oder weniger um die Frage, mit welchen Mitteln ein durchaus lebendiger Ort des Gedenkens zu erreichen wäre.

Nachdem heute feststeht, dass der Bunker aus dem Zivilschutz „entlassen“ worden ist und sich die Stadt Frankfurt bei der Bundesregierung um seinen Erwerb bemüht, hat die Initiative einen weiteren Vorschlag erarbeitet, den ich hier vorstellen möchte. Dieser Vorschlag beinhaltet Ideen zur Umnutzung wie auch erste Ansätze zu seiner Umgestaltung.

Geschichte sichtbar machen

Wie bereits in vorherigen Beiträgen erwähnt, muss ein erstes Ziel sein, diesen besonderen Ort zum Sprechen zu bringen, seine Geschichte offen zu legen. Eine Geschichte, die in den sich überlagernden Schichten ablesbar werden kann, wenn man sie denn zeigt. Also: den Bau der größten und prächtigsten Synagoge vor einhundert Jahren; das Wirken der Israelitischen Religionsgesellschaft sowie ihre Verfolgung durch die Nazis; die Zerstörung der Synagoge 1938/39; die Deportationen; den Bau des Bunkers durch polnische und französische Zwangsarbeiter; den Luftkrieg; die Nachkriegsnutzungen; die Errichtung zweier Mahnmale 1946 und 1985; und die erneute Einrichtung eines Schutzraums als ABC-Bunker 1987.

Die Zeichnungen zeigen die Überlagerung von Bunker und Synagoge, im Schnitt und im Grundriss. Man erkennt, dass der Innenraum der Synagoge etwa die Höhe des heutigen Bunkers aufwies. Man kann auch ahnen, dass dort, wo der Bunker steht, heute keine Reste der Synagoge mehr vorhanden sein können. In diesem zentralen Bereich war die Synagoge auch nicht unterkellert. Dagegen befanden sich östlich und westlich davon Kellerräume. Deren Reste sind höchstwahrscheinlich noch im Erdreich verborgen, so wie jene Grundmauern, die wir 2005 an der nordöstlichen Ecke freigelegt hatten.

Man erkennt aber vor allem, mit welcher Wucht die Masse des Bunkers in das feingliedrige Gefüge des Synagogenkörpers eingestanzt worden war. Dieser brutale Akt wird ja folgerichtig durch das Logo der Initiative 9. November symbolisiert.

Hingewiesen sei noch auf die ursprüngliche Gliederung des Synagogengebäudes auf dem relativ kleinen, trapezförmigen Grundstück. Man betrat die Synagoge nicht direkt, sondern durch einen Doppeltorbogen und über einen, von der Friedberger Anlage abgeschirmten Vorhof. An dessen Seiten lagen rundum in zweigeschossigen Bauten Räume für Schule, Frauen, Versammlungen u. a. Die Synagoge wartete also mit zwei verschiedenen, aus Muschelkalk errichteten Fassaden auf: eine niedrige entlang der Straße und eine dahinter liegende sehr hohe, welche weit in die Anlage und bis zur Zeil hinwirkte.

Das Bunkergebäude ist ein monolithischer Klotz aus Stahlbeton. Er misst 40 mal 20 Meter und ragt 16 Meter aus der Erde. Er birgt sechs Geschosse – ein Untergeschoss, ein Erdgeschoss und vier Obergeschosse. In den Ecken liegen vier Treppenhäuser, von denen die östlichen nur bis ins 2. OG führen. An den Ecken befinden sich die vier Eingänge, die, als Druckschleusen ausgebildet, mehrfach verwinkelt sind. Die Außenwände sind 1,60 m dick und die oberste Schutzdecke

2,50 m. Die Geschosse weisen jeweils knapp 600 Quadratmeter Nutzfläche auf. Insgesamt beträgt diese also etwa 3.000 qm – ohne das Untergeschoss, in dem sich die Lüftungsmaschinen und ein riesiger Luftfilter befinden.

Durch die Nachrüstung von 1987 ist der Bunker in einem „perfekten“ Zustand mit Beleuchtung, Lüftung und Sanitärräumen. Das Besondere an diesem Bauwerk besteht auch darin, dass das Innere wie ein einziger zusammenhängender Luftraum wirkt. Durch Löcher in sämtlichen Decken und Wänden kann die Luft permanent zirkulieren. Sie steht über notfalls verschließbare Ventile mit der Außenluft in Verbindung. Dieser ständige Luftaustausch sorgt bis heute dafür, dass sich kein Kondenswasser oder Schimmel bilden kann.

Die Perforierung des Inneren ist aber auch der Grund, warum bis heute nur das Erdgeschoss durch die Initiative genutzt werden kann. Denn die Geschosse sind untereinander und gegenüber den Treppenhäusern nicht brandsicher abgeschottet. Und wären sie abgeschottet, müssten neue, brandsichere Lüftungs- und Entrauchungsanlagen eingebaut werden. Dies war bisher nicht nur aus finanziellen Gründen nicht durchführbar, sondern vor allem deswegen, weil es der Aufgabe des Gebäudes, jederzeit als Schutzraum wieder zur Verfügung zu stehen, widersprach. Mit der Entlassung aus dem Zivilschutz hat sich diese Einschränkung nun erübrigt.

Auf Grund eines Mietvertrags mit der bisher zuständigen Branddirektion und unter Einhalt gewisser Sicherheitsauflagen kann die Initiative 9. November das Erdgeschoss für Veranstaltungen und für die Ausstellung des Jüdischen Museums „Ostend – Blick in ein jüdisches Viertel“ nutzen. Vor fünf Jahren konnte der Eingangsbereich an der Südwest-Ecke umgestaltet werden. Durch zwei Stahlfassaden entstand ein geschützter, beheizbarer Vorraum. die Stahlfassade trägt das logo der Initiative – schwarzer Bunkerblock auf hellem Synagogengrundriss. Das ist durchaus symbolisch gemeint: das Licht für den Vorraum fällt durch das lichte Glas der Synagoge.

Einen Ort des Lernens und Agierens schaffen

Soweit in Kürze zur Entwicklung und zum Zustand des Synagogen-Bunker-Orts. Ich sagte, dass das erste Ziel der Initiative sei, diesen Ort zum Sprechen zu bringen. Das zweite Ziel ist, einen lebendigen Ort des Gedenkens, der Information und der Dokumentation über den Nationalsozialismus in Frankfurt und einen Ort des Agierens gegen rassistische und antisemitische Umtriebe zu machen.

Der Bunker Friedberger Anlage könnte innerhalb des städtischen Projekts „Topografie des Nationalsozialismus“ einen bedeutenden, vor allem authentischen

Ort bilden, der sich insbesondere mit der Seite der Täter befassen sollte. Um dieses Ziel zu konkretisieren, haben wir in den vergangenen Jahren viele Gespräche mit kompetenten Partnern geführt. Beispielsweise mit dem Jüdischen Museum, mit dem Historischen Museum, mit dem Institut für Stadtgeschichte, mit dem Fritz Bauer Institut und mit auch eher privaten Einrichtungen. Unsere Idee, im Bunker ein zentrales Archiv über den Nationalsozialismus in der Stadt einzurichten, mussten wir inzwischen aufgeben. Vor allem deswegen, weil die städtischen Institute nicht von ihrer eigenen Logik und Methode des Sammelns abweichen können. Andere Archive wie das des Studienkreises deutscher Widerstand oder das Musiker Archiv von Jochen Martini würden ihre Bestände gerne einbringen.

Ergebnis unserer Sondierungen ist die verbreitete Einsicht, dass der Bunker ein wichtiger Teil des Netzwerks zum Nationalsozialismus darstellen sollte. Seine genaue Funktion kann allerdings nur im Verbund erarbeitet werden. Wir als Initiative möchten hierzu, wie schon heute morgen erläutert, unsere Vorstellungen unterbreiten. Und diese wären, unter dem Titel „Ort des Lernens und Agierens“ verschiedenartige Räume anzubieten:

  • Räume für Begegnungen und Veranstaltungen
  • Räume für feste und wechselnde Ausstellungen
  • Räume für Archive und Forschungsarbeit
  • Räume für Initiativen der zivilen Gesellschaft
  • einen ursprünglich zu belassenen Bunkerraum
  • und ähnliches mehr bis hin zu einem kleinen Café.

Unter der Betonung von Differenz und Vielfalt sollte der Bunker als positives Element für die Stadtgesellschaft aufgefasst werden.

Ein architektonisches Zeichen setzen

Die Initiative ist sich einig über das dritte Ziel, wonach mit der Erstellung eines Nutzungskonzepts gleichzeitig auch eine bauliche Konzeption einhergehen muss. Genauer gesagt: es muss ein deutliches architektonisches Zeichen gesetzt werden, ein Zeichen, das irritiert.

Die vorrangige Idee dazu soll ein Lichtkeil sein. der Lichtkeil öffnet den Bunker, zerstört seine Funktion als Schutzraum und macht gleichzeitig seine bauliche Struktur sichtbar. Dabei wird deutlich, was 1,60 m dicke Betonwände bedeuten. Man weiß das zwar von den Plänen her, aber was sind 1,60 m erst in der Realität! Und mit dem Keil „entbunkern“ wir das Kriegsbauwerk. Wir zeigen: es ist ein Bunker gewesen, es kann nie wieder ein Bunker sein.

Der Lichtkeil übernimmt aber auch wichtige praktische Funktionen. Er bringt Licht und Luft in das Bunkerinnere, er nimmt im Erdgeschoss den Eingang auf und eröffnet auch die Möglichkeit, im Untergeschoss einzelne Synagogenreste zu sehen und zu erreichen. Er wird zum zentralen, mehrstöckigen Raum.

Wie sieht es im Innern des Bunkers aus? Da gibt es zunächst helle, natürlich belichtete Bereiche um den Lichtkeil herum und dunkle. Das hat eine einfache Zonierung zur Folge. Während im Hellen sich Plätze des Arbeitens und Zusammentreffens befinden, liegen im Dunkeln Ausstellungs- und Archivräume. In der Mitte könnte durch teilweise Wegnahme von ein oder zwei dünnen Geschossdecken ein kleiner Veranstaltungssaal für verschiedene Medien entstehen, also für Filme, für Vorträge, für Lesungen oder für Debatten. Dieser Saal könnte im Grund- und Aufriss eine freie, eigenständige Form aufweisen. Er bildet den neuen Kern des Gebäudes.

Die bestehenden Treppen werden natürlich weiter verwendet. Zusätzlich müsste ein Aufzug eingebaut werden, damit auch Behinderte alle Stockwerke erreichen können.

Mit der Umgestaltung im Innern muss eine Neugestaltung des Außenraums gekoppelt sein. Dafür gäbe es mehrere Möglichkeiten. Und es stellen sich Fragen. Wie könnte man mit der Gedenkstätte umgehen? Sollte man sie in ihrer Anordnung und Größe vor dem Bunker erhalten? Gar erhalten müssen? Noch haben wir hierauf keine Antwort. Wir wollen aber auf jeden Fall einen Großteil der Synagogen-fundamente freilegen, sie sichtbar oder gar zugänglich machen. Das wäre ein Konflikt mit der Gedenkstätte. Man könnte für eine Übergangszeit die Grundmauern nachzeichnen, vielleicht mit Farbe, mit Pflastersteinen oder mit Hecken. Dies stellt aber in unseren Augen keine wirklich akzeptable Lösung dar.

Wir haben deshalb eine weitergehende, wiederum architektonische Idee entwickelt. Sie greift zum einen auf die historische Raumfolge der Synagoge zurück und reagiert zum anderen auf die augenblicklich äußerst unwirtliche Situation entlang der vielbefahrenen und lauten Straße.

Wir meinen, dass eine Abschirmung des Grundstücks und die Wiedererrichtung eines ruhigen Vorhofs die richtige Konzeption wäre. Vielleicht sogar auf den alten Fundamenten und mit einem doppelten Zugang von der Friedberger Anlage her. Anstelle einer einfachen hohen Mauer stelle ich mir ein schmales Gebäude vor. Ein nutzbares Gebäude mit einer Raumtiefe von etwa 3 Metern, der Tiefe eines Eisenbahnwagens. Damit könnte man vieles anfangen.

Vor allem aber, und das ist mir wichtig zu unterstreichen, entsteht ein geschützter, ruhiger, wirklich nutzbarer Vorplatz. Und durch die Abschirmung wird bei allen Passanten die Neugier, was sich hinter der Begrenzung befindet, gesteigert. Das Kaschieren hebt die Wertschätzung des Dahinterliegenden.

Das Heine Denkmal versetzen

Eine letzte Idee ist die Verknüpfung mit dem städtischen Raum. Augenblicklich ist der Bunker aus der Friedberger Anlage fast nicht zu sehen. Starker Bewuchs verhindert die Sicht. Das war nicht immer so. Ursprünglich lag die Synagoge sogar in einer Sichtachse von der Zeil her. Und ein geradliniger Weg führte dorthin. Beim Betrachten alter Stadtkarten fällt noch eine weitere, den Stadtraum gestaltende Komposition auf. Im Jahre 1913, also sechs Jahre nach der Einweihung der Synagoge, wurde als Pendant zu ihr auf der Nordseite der Zeil das Heinrich-Heine-Denkmal, das erste in Deutschland, aufgestellt. Heine im einst jüdischen Viertel.

Auf der Zeil, aus der Stadt kommend, blickte man geradeaus auf das Uhrtürmchen und jeweils im selben Winkel nach rechts auf die Synagoge und nach links auf das Heine Denkmal. Eine städtebauliche Konzeption. Das Heine Denkmal selbst, von Georg Kolbe entworfen, zeigt nicht, wie damals üblich, den dichter sondern als Allegorie seine Dichtkunst: einen tanzenden jungen Mann vor einer lagernden jungen Frau. Von den Nazis geschändet überlebte das Denkmal wie ein Wunder im Garten des Städels und wurde 1947 in der Taunusanlage wieder aufgerichtet.

Nun ist offiziell vorgeschlagen, das Heine Denkmal wieder zurückzuholen. Der alte Standort ist allerdings inzwischen durch einen Erdgascontainer verbaut. Daher wurde die Idee geboren, es in Blickbeziehung zum Bunker auf der Südseite der Zeil aufzustellen. Dies soll anlässlich der notwendigen Grundsanierung der Friedberger Anlage in den nächsten Jahren geschehen. Bei dieser Sanierung soll die Präsenz des Bunker-Synagogen-Orts deutlich hervorgehoben und möglicherweise auch ein gesicherter Überweg über die Fahrbahn geschaffen werden. So jedenfalls lauten die Vorschläge, die während einer Begehung mit Vertretern der Stadtverordneten, des Ortsbeirats, des Grünflächenamts und des Kulturamts entwickelt worden sind.

Dies scheint mir ein gelungener Ansatz zu sein, den Bunkerort intensiver in die Stadtgesellschaft eingliedern zu können.