Im Oktober 1997 sahen und hörten wir Ruth Lapide zum ersten Mal. Wenige Tage nach dem Tod ihres Mannes Pinchas Lapide hielt sie im Kasino der Goethe-Universität einen Vortrag zum Thema „Zum Leben berufen, Ansätze einer biblischen Ethik zur Genetik“ im Rahmen des Symposiums „Medizin und Antisemitismus, Historische Aspekte des Antisemitismus in der Ärzteschaft“. Sie begann folgendermaßen:
„Wie schützt sich eine Weltreligion, deren Glaubensgut in einem inspiriertem Schrifttum verewigt worden ist, vor der Gefahr der legalistischen Erstarrung und der theologischen Arterienverkalkung? Die jüdische Antwort auf diese berechtigte Frage, die nicht nur alle Weltreligionen angeht, sondern auch juridische und philosophische Implikationen hat, steht auf zwei Beinen: Vor allem geht es um die unüberbietbare Heiligkeit und Unantastbarkeit des Menschenlebens – ein Prinzip, das der Leitstern aller jüdischer Tradition und Gesetzgebung ist und bleibt. Hinzu gesellt sich der Leitsatz, der in der Bibel sieben Mal wiederholt wird: „Durch diese Gebote sollt Ihr leben!“ Die Rabbinen betonen dieses Leitwort – als Aufruf zur stetigen Neuerforschung der Schrift, um ihr jeweils jenen lebensfordernden Sinn abzugewinnen, der das Hauptanliegen der Bibel ist.“


