09.10.2021: Konzert zu Ehren von Frida und Erich Itor Kahn

Erich Itor Kahn war ein deutscher Musiker und Komponist, der als Jude und Komponist sogenannter „entarteter Musik“ von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurde. Sein Werk steht in engem Zusammenhang mit der Schönberg-Schule und der Zwölftonmusik. Seine Frau Frida war eine herausragende Pianistin.

Beide sind in unserer Ausstellung „Musik als Form geistigen Widerstandes – Jüdische Musikerinnen und Musiker 1933-1945. Das Beispiel Frankfurt am Main“ vorgestellt.

Erich Itor Kahn wohnte in Frankfurt, als er 1927 sein Divertimento für Cembalo, Flöte und Geige schrieb. Doch obwohl er von 1928 bis 1933 beim Radio Frankfurt (dem Vorgänger des Hessischen Rundfunks) arbeitete, wurde dieses Werk niemals in Deutschland aufgeführt. Speziell für die diese deutsche Uraufführung wurde eine neue Edition der Noten in New York bestellt und angefertigt.

Der Hessische Rundfunk wird als unserer Kooperationspartner das Konzert aufnehmen und zu einem späteren Zeitpunkt senden.

Samstag, den 9. Oktober um 18 Uhr im Hochbunker Friedberger Anlage 5-6, 60314 Frankfurt am Main. Eintritt frei; um Spenden wird gebeten

PROGRAMM
Johann Sebastian BACH (1685-1750) aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klavier (Cembalo Solo)
Präludium und Fuga (a 3voci) E-Dur, BWV 854
Präludium und Fuga ( a 2 voci) e-moll, BWV 855
Präludium und Fuga ( a 3 voci) B-Dur, BWV 866
Präludium und Fuga ( a 5 voci) b-moll, BWV 867


Joseph HAYDN (1732-1809) Sonata Nr. 49 in cis-moll, Hob XVI:36
-Moderato
-Scherzando (Allegro con brio)
-Menuett (Moderato) und Trio


Erich Itor KAHN (1905-1956)
« Divertimento » per il Flauto e Violino con accompagnamento del Cembalo (1927)
I Preludio (Andante Moderato)
II Recitativo (Allegro)
III Sonata Allegro (Fuga a tre)
IV Aria (Largo)
V Invenzione (Canon a due, Vivace ma non troppo Cembalo Tacet)
VI Corale (l’istesso Tempo) e Marcia (Tempo Moderato)
VII (unvollendeter Teil)


Es spielen:
Ilton Wjuniski, Cembalo, Julia Greve, Violine, Paul Dahme Flöte
Konzept, Moderation und Leitung: Ilton Wjuniski

Ilton Wjuniski wurde 1960 im brasilianischen São Paulo geboren. Dort nahm er schon früh Cembalo-Unterricht und wurde 1978 von Hughette Dreyfus eingeladen bei ihr in Paris zu studieren. 1983 schloss er sein Studium am Conservatoire National Supérieur in Paris mit vier ersten Preisen ab. Seine prägenden Lehrer waren außerdem Kenneth Gilbert und Gustav Leonhardt. Ilton
Wjuniski war Preisträger bei internationalen Wettbewerben in Edinburgh, Paris und New York, wo er 1985 den renommierten Pro Musicis Sponsorship Award erhielt. Als Solist für Cembalo und Clavichord bereiste er die USA, Kanada, Südamerika, Japan und Russland. In ganz Europa ist er ein gern gesehener Gast in Programmen alter aber auch neuer Musik. Unter seinen Einspielungen, wurde die CD mit Werken iberischer Musik auf dem Clavichord von der Kritik besonders hervorgehoben. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit hat Ilton Wjuniski eine Dozentur für historische Tasteninstrumente im Konservatorium der Stadt Paris inne. Er gab darüber hinaus Seminare und Kurse an Institutionen wie der Schola Cantorum Brasiliensis, dem Tschaikowski-Konservatorium in Moskau und der Hochschule in Salamanca. Seine letzte CD ist ein Trippel-Album mit 12 Sonaten von Friedrich Wilhelm Rust (1739-1796) auf dem Sauer-Clavichord im Musikinstrumentenmuseum der Händelstiftung in Halle.

Julia Greve lebt und arbeitet seit 1988 in Frankfurt am Main, wo sie bis 2014 als 2.Geigerin im Buchberger-Quartett spielte. Zuvor war sie nach Studien in Stuttgart und Utrecht Mitglied des Stuttgarter Streichquartetts und des Zürcher Kammerorchesters. Seit 2014 arbeitet sie schwerpunktmäßig bei verschiedenen Ensembles wie der Internationalen Bach-Akademie Stuttgart, dem Musik-Podium Stuttgart und ist regelmäßig Gast beim Gürzenich-Orchester Köln sowie dem Stuttgarter Kammerorchester. Auch ist sie beteiligt bei der Gesamtaufführung sämtlicher Kantaten von Johann Sebastian Bach in Wiesbaden und Frankfurt seit 2004.

Paul Dahme studierte in Hamburg zunächst Schulmusik und Flöte. Nach Vervollständigung seiner Studien bei Peter L.Graf und André Jaunet kam er über die Oper Graz 1977 ans Opern- und Museumsorchester Frankfurt, in dem er bis zum Jahr 2015 als Soloflötist tätig war und hat jahrzehntelange Erfahrung mit dem gesamten Repertoire aus Oper und Sinfonik vom 18. bis 21. Jahrhundert. Er hat sich auch intensiv mit Traversflöte und historischer Aufführungspraxis beschäftigt. Als Gast spielte Dahme im Bayrischen Rundfunk, HR Sinfonieorchester, bei den Berliner Philharmonikern und in Bayreuth. Er unterrichtete an der HDMK in Frankfurt und am Frankfurter Dr. Hoch´s Konservatorium. Paul Dahme tritt in unterschiedlichen Kammermusikbesetzungen auf. Er spielte in verschiedenen barocken Formationen, u.a. im Mainzer Barchorchester und im Freiburger
Barockorchester.

Dieses Konzert ist Frida (1905-2002) und Erich Itor Kahn (1905-1956) gewidmet, schreibt Musiker Ilton Wjuniski:

„Als ich vor einem Jahr die Ausstellung über die verfolgten Frankfurter Musikerinnen und Musiker im Bunker besichtigte, kam uns die Idee dieses Konzertes, in dessen Mittelpunkt Erich Itor Kahn steht.
Kahn war ein deutscher Musiker und Komponist, der als Jude und Komponist sogenannter „entarteter Musik“ von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurde. Sein Werk steht in engem Zusammenhang mit der Schönberg-Schule und der Zwölftonmusik. Seine Frau Frida war eine herausragende Pianistin.
Erich Itor Kahn wohnte in Frankfurt, als er 1927 sein Divertimento für Cembalo, Flöte und Geige schrieb. Doch obwohl er von 1928 bis 1933 beim Radio Frankfurt (dem Vorgänger des Hessischen Rundfunks) arbeitete, wurde dieses Werk niemals in Deutschland aufgeführt. Speziell für die heutige deutsche Uraufführung wurde eine neue Edition der Noten in New York bestellt und angefertigt.

Meine erste Begegnung mit Frida Kahn fand in der Pariser Wohnung von Annette Schlumberger statt, die zu Ehren von Erich Itor Kahn ein Konzert im Salle Cortot organisiert hatte. Im Rahmen dieses Konzertes fand die bis heute einzige Aufführung des Divertimentos von Erich Itor Kahn statt. Später kaufte Frau Schlumberger in Villecroze (Haut-Var, Provence) die gesamte Notenbibliothek des Ehepaar Kahns für ihre internationale Musikakademie.
Nachdem ich den großen Wert dieser Notenbibliothek erkannt habe, konnte ich Frau Schlumberger überzeugen diese Bibliothek vollständig restaurieren zu lassen. Unter anderen Raritäten enthielt die Notenbibliothek verschiedene wertvolle Ausgaben des Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach, mit und ohne musikalischer Analyse, mit verschiedenen Varianten an Fingersätzen usw. Offenbar hatten sich Erich Itor und Frida sehr oft und intensiv mit den 48 Präludien und Fugen Bachs beschäftigt. Aus diesem Grund habe ich für den heutigen Konzertabend vier Präludien und Fugen des ersten Bandes des Wohltemperierten Klavier ausgewählt.

Im Februar 1987 besuchte Frida mein Debut-Konzert im Auditorium des Metropolitan Museum in New York womit unsere Freundschaft ihren Anfang nahm. Sie hat mir oft mit ihren Ratschlägen zur Seite gestanden und hörte sich viele meiner New Yorker Konzerte an.
Bei meinen letzten zwei Konzerten wohnte ich bei Frida Kahn und konnte täglich an ihrem Klavier üben. Bei einer dieser Gelegenheiten spielte Frida mir eine alte Tonbandaufnahme einer Haydn-Sonate vor, die sie gespielt hatte und ganz besonders liebte. Die Schönheit ihres reinen Ausdrucks beeindruckte mich sehr und ist mir bis heute sehr lebendig im Gedächtnis geblieben. Deswegen spiele ich in diesem Konzert auch die cis-Moll Sonate von Joseph Haydn.“
Ilton Wjuniski, im August 2021