„Das Geschehen, was dann da war, hat mich sehr ergriffen.“

Interview mit Herrn Dr. h. c. Ernst Gerhardt1 (Auszüge)

Stadtkämmerer a. D. Dr. h.c. Ernst Gerhardt an seinem 100. Geburtstag im Frankfurter Dom. Foto (c) Holger Peters

Ernst Gerhardt wurde 1921 in Frankfurt am Main-Bockenheim geboren. Er wohnte in der Großen Seestraße 3 und besuchte die Kaufunger Schule.2 Zum Zeitpunkt des Novemberpogroms von 1938 absol­vierte er eine kaufmännische Ausbildung bei der Firma Max Braun in der Idsteiner Straße 91.3 Dort machte er Karriere, obwohl er nicht in der Hitlerjugend war. Nach 1945 wurde Ernst Gerhardt hauptamt­li­ches Magistratsmitglied, Sozialdezernent und schließlich Kämmerer der Stadt Frankfurt am Main.

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F.: Sie wohnten in Bockenheim. Das Geschehen war aber in der Nähe des Zoos.

E. G.: Ja, das will ich Ihnen erklären. Der von mir schon beschriebene Direktor [der Firma Max Braun] der hatte am Vormit­tag die­ses 9. November4 in der Stadt zu tun, kam aus der Stadt und hat kein Geheimnis gemacht von seinem Entsetzen, was passiert ist in der Stadt, dass die Synagogen gebrannt haben und angesteckt wor­den sind und das hat mich so neugierig gemacht, dass ich nach Betriebsende, habe ich mich, bin ich mit meinem Fahrrad in die Stadt gefahren und bin an die obere Zeil und bin dann rübergegan­gen in die Anlage – da steht heute ein Bunker – und das war eine wun­derbare Synagoge war das und da habe ich davorge­standen und da habe ich, die Feuerwehr war auch da, aber die Feuerwehr hat auftragsgemäß – das habe ich der Feuerwehr eigentlich nie ver­ziehen – die hat nur die Nachbarhäu­ser bespritzt, aber die Synagoge nicht.5

F.: Das haben Sie gesehen?

E. G.: Das habe ich gesehen und da war ich auch verwundert drüber, da habe ich gesagt: „Die spritzen ja überhaupt nicht.“ Das Geschehen, was dann da war, hat mich sehr ergriffen und ich bin dann nach Hause, habe meiner Mutter berichtet, was ich alles erlebt habe und dann haben wir – nicht dass ich jetzt heute noch mit einer großen Be­wegtheit erzähle – dann haben wir zusammengeses­sen und haben (sichtlich bewegt) laut ge­heult, laut geheult. Diese Drecksäcke, die Nazis haben es verstan­den, die (Pause) primitivsten (Pause), die primitivsten Mitgefühle zu untergra­ben und ja zu untergra­ben und das so geschehen zu lassen, dem Schein nach die Feuerwehr auffahren zu lassen, aber nichts dafür zu tun, dass der Brand ge­löscht wird.

Dann ist noch, es war ja nicht das einzige, was passiert ist. Es sind ja auch die jüdischen Geschäfte damals boykot­tiert6 worden und es war im ganzen Land, im ganzen Land, nicht nur in Frankfurt auch außerhalb von Frankfurt überall, wo jüdisches Leben war, ist das an diesem Tag so sabotiert worden, dass Geschäfte ange­steckt wurden und dem Schein nach alles nur vom Brand geschützt wurde, so­weit es die Ausbreitung betraf. So das war mein Entsetzen an dem 9. November.7

F.: Waren Sie noch einmal vor Ort?

E. G.: An dem Tag war ich vor Ort und habe das gesehen. An demselben Tag nicht mehr. Aber später bin ich oft in die Stadt und habe das mir betrachtet, es war – die Synagoge hat als Ruine dagestanden. Später im Krieg haben sie die Syna­goge abgerissen8 und haben einen Bunker draus gemacht.

F.: Wie haben die Zuschauer reagiert?

E. G.: Die Leute waren ähnlich offen, aber natürlich auch wiederum zurückhaltend, man wusste ja nicht, ob da nicht Nazis unter den Zuschauern sind, die einen vor den Kadi gebracht haben. Und leider hat die Polizei – das muss ich der Polizei anlasten – die Polizei hat nicht ihre polizei­lichen Aufgaben erfüllt, sondern sie hat Unrecht vor aller Augen geschehen lassen.

[…]

F.: Sind Ihnen Personen oder Personengruppen vor der Synagoge besonders aufgefallen?

E. G.: Da ist mir nichts aufgefallen, was erwähnenswert wäre, es war ein normaler Neugierbe­trieb, dass die Leute stehengeblieben sind und das Geschehen verfolgt haben. Und es waren auch solche, die viel­leicht angeregt durch Informationsübertragung und extra hingekom­men sind, wie ich zum Bei­spiel.

F.: Haben Sie Brandstifter gesehen?

E. G.: Nein, es waren eigentlich – als ich (betont) da war, also ich weiß nicht, wie der Brand gelegt wurde, das weiß ich nicht. Am Tag habe ich gearbeitet ich bin erst nach Betriebsschluss hin – und da waren eigentlich nur Neugierige oder Interessierte, die aus Teilnahme und Mitgefühl mit der jüdischen Ge­meinde den Ort des Gesche­hens sehen wollten.

[…]

F.:Es gab Plünderungen. Haben Sie diese gesehen?

E. G.: Da hab ich nichts gesehen. Das war vielleicht auch schon passiert während des Tages und ich bin ja erst so um 18:00 Uhr hin.

[…]

F: Sagt Ihnen die Gaststätte Röderbergfelsenkeller im Röderbergweg 1229 etwas?

E. G.: Ja, da war was. Röderbergweg, da war (überlegt), aber, was genau war, kann ich nicht sagen.

F: Es gab einen weiteren Versammlungsort, das Keglersporthaus in der Wingertstraße.10

E. G.: Da hat, da haben die Katholiken oft was abgehalten und zwar, wenn die Fastnacht gefeiert ha­ben, wenn die Katholiken Fastnacht gefeiert haben. Das war eine katholische Gemein­schaft hier vom Nor­dend. Das war ein Haus, was der Keglerbund gebaut hat und die haben nicht nur gekegelt, sondern die ha­ben den großen Versammlungssaal auch vermietet.

[…]

Das Interview wurde geführt und aufgezeichnet von Dr. Ulrike Müller-Weil. Zur Zerstörung der Synagoge an der Friedberger Anlage zeigen wir eine kleine Ausstellung.

Quellen:

1 Das Interview mit dem ehemaligen Stadtkämmerer von Frankfurt am Main führte Dr. Ulrike Müller-Weil am 15. Mai 2025. In diesem nach der Tonaufnahme erstellten Wortprotokoll wurden nur wenige Stellen geglättet.

2 Kürfürsten und Kaufunger Schule, Schloßstraße 29, Mittelschule, 1905/06 errichtet, nach dem Zweiten Weltkrieg Sitz eines Bildungsinstituts, seit 2026 wieder Schulgebäude.

3 Braun GmbH, 1921 gegründetes Unternehmen für Elektrogeräte (heute zu Procter & Gamble), 1928 bezog die Firma das Fabrikgebäude in der Idsteiner Straße.

4 Tatsächlich am 10. November 1938.

5 Da Herr Gerhardt, wie er erzählte, erst nach Betriebsschluss nach 17:30 Uhr, zur Synagoge fahren konnte, dürfte er den Feuerwehreinsatz vom 11. November 1938 in Erinnerung haben. Denn am frühen Abend des 10. November 1938 war die Feuerwehr nicht vor Ort. Dies ergibt sich aus den Berichten der Feuer­wehr (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main Best. A. 37 Branddirektion). Da Herr Gerhardt mehrmals am Ort des Synagogenbran­des war, dürfte er auch die Feuerwehreinsätze vom Wochenende (12. und 13. November 1938) beobach­tet haben.

6 Der Boykott jüdischer Geschäfte begann am 1. April 1933 und wurde am 4. April 1933 endgültig für beendet erklärt. Im Zuge des Novemberpogroms von 1938 wurden jüdische Geschäfte demoliert, zerstört und geplündert.

7 Tatsächlich am 10. November 1938 und an den folgenden Tagen bis zum 13. November 1938.

8 Der Abriss begann unmittelbar nach dem Pogrom im November 1938 und dauerte bis Juni 1939.

9 Dort fanden u. a. Veranstaltungen der NSDAP-Ortsgruppe Ostend statt.

10 Die NSDAP-Ortsgruppe Sandweg hielt dort am Abend des 9. November 1938 ihre alljährliche Gedenkfeier zum gescheiter­ten Hitlerputsch von 1923 ab.