Zur Erinnerungskultur der Initiative 9. November e.V. – eine Bilanz

Nachdem es der Frankfurter Börneplatzbewegung 1987 nicht gelungen war, die Beseitigung der Fundamente der Judengasse durch die städtischen Behörden zu verhindern, fand sich am Ort Friedberger Anlage 5 -6 eine Gruppe nicht-jüdischer und jüdischer Frankfurter Bürger in der Initiative 9. November e.V. zusammen, um dafür zu kämpfen, dass sich Vergleichbares niemals mehr wiederholt. Der Ort war gezielt gewählt: im Novemberpogrom von 1938 war hier die größte Frankfurter Synagoge, jene der Israelitischen Religionsgesellschaft zerstört worden. In der weiteren Folge wurden die Mitglieder ihrer Gemeinde und schließlich die Juden des Viertels vertrieben und viele von ihnen später ermordet. Den Platz ließen die Nazis dann von französischen Zwangsarbeitern mit einem 5-stöckigen Luftschutzbunker überbauen. Als sich die Initiative 1988 mit dem Datum der Pogromnacht in ihrem Namen gründete, war diese Geschichte in Frankfurt fast völlig vergessen.

Angetrieben war man dabei von der Überzeugung, dass es gegen alles Vergessen entscheidend sei „zu erinnern“. Das hieß damals, die frühere Geschichte des Ortes herauszuarbeiten, sie öffentlich zu machen und davon ausgehend zu fragen, wie aus dem In-Erinnerung-rufen praktisches politisches Engagement resultieren könnte. Das „Erinnere Dich!“ war also nicht als bloßer Denkakt und Mahnung gemeint, sondern sollte praktisches Handeln umfassen. Der Ort war „in Besitz“ zu nehmen, damit seine Erde, seine Steine dem Prozess des Erinnerns einen festen sinnlichen „Anstoß“ verschafften. Wie dies praktisch möglich sein könnte, musste zunächst offenbleiben. Der Zugang zum Bunker war nicht möglich, weil er gerade erst zu einem kriegswichtigen ABC-Luftschutzbunker hochgerüstet worden war. Vielen in der Gruppe erschien seine Nutzung durch die Initiative zudem problematisch, weil er nichts als „Todesarchitektur, Kathedrale des Rassismus, Siegerarchitektur, nekrophiles Bauwerk, Loch in der Stadt und Symbol der Erinnerungspanzerung“ sei. Also sei er zu beseitigen oder zumindest aufwendig zu verändern. Über die Frage, wie mit noch erhaltenen Synagogenfundamenten am Bunker umzugehen sei, um in einer Zusammenschau beider „weh zu tun“ und als Menetekel gelesen werden zu können, das wurde nur am Rande bedacht.

Weil alle praktische Veränderung des Ortes selbst blockiert war, zielten die Aktivitäten der Gruppe auf „Erinnern und öffentliche Aufklärung“, z.B. durch Veranstaltungen an anderen Orten der Stadt. Vielleicht war es dann dieser erzwungene Handlungsaufschub, der damals die Vorstellung anregte, dass es in Zukunft auch um eine Art „Selbstaufklärung“ oder Selbsterkundung der Mitglieder der Gruppe gehen müsse. Und tatsächlich sollte die Umsetzung gerade dieser Forderung in der Folge – allerdings in Verbindung mit der Nutzung des Bunkers – der gesamten Aufklärungsarbeit der Initiative eine besondere Qualität verleihen. Diesem Vorhaben kam entgegen, dass die Mitglieder keine professionellen Historiker oder Museumswissenschaftler, sondern Laien waren. Denn so konnte sich mit der Zeit spontan, „von unten“, „von Bürgern für Bürger“ eine Erinnerungsmethodik entwickeln, die den Erlebnis- und Lernmöglichkeiten zukünftiger Besucher dieses Ortes eher entsprechen sollte als es theoriegeleitete Museums- oder Gedenkstättenprojekte tun können. Das verlieh dieser Arbeit mit der Zeit einen einmaligen methodischen, gewissermaßen basisdemokratischen Wert. D.h. das auf Langfristigkeit angelegte Projekt machte die Gruppe frei und offen, zu einem „Resonanzkörper“, selbst zum Untersuchungsgegenstand, um ihre eigenen Widerstände und Gedächtnislücken stellvertretend für alle Frankfurter befragen zu können. Sie konnte damit von sich selbst ausgehend allgemeingültigere Antworten dazu geben, welche erinnerungspsychologi­schen Prozesse bei diesem „Lernen und Erinnern von Geschichte“ unter den gegebe­nen Bedingungen relevant werden.

Alle konkreten Annäherungen der Gruppe an den Ort stießen auf behördlicher Seite lange Zeit auf erhebliche Vorbehalte. Trotz vieler Rationalisierungen waren sie unverkennbar davon getragen, die vergessene und real verborgene Geschichte des Ortes unter Betonmauern verschlossen zu halten. Eine Protestbewegung wie am „Börneplatz“ sollte sich nicht wiederholen. Der ABC-Bunker nutzte ihnen als ein „Symbol einer Erinnerungspanzerung“, passend zur Formel eines frühen Gruppenmitgliedes: „Der Bunker ist ein Bunker ist ein Bunker“.

Die „Umdeutung“ des Bunkers

Die Arbeit vor Ort begann mit einer Aufstellung eines „Geschichts-Containers“ vor dem Bunker. Dabei blieb es nicht. Als nämlich nach Beendigung des Kalten Krieges der Bunker aus der sogenannten Zivilschutzbindung herausgenommen worden war, wurde es der Initiative 2002 möglich, Bunkerräume dauerhaft zu nutzen und damit die Ge­schichte des Ortes weiter offen zu legen. Dazu organisierte sie in den folgenden Jahren Ausstellungen und Dokumentationen. Vor allem gelang es ihr aber, Zeitzeugen des Holo­caust für Veranstaltungen im Bunker zu gewinnen. Indem diese hier von ihren Schicksalen be­rich­teten, wurde der Ort Erzählort.

Durch ihre Darstellungen, ja durch ihre bloße Anwesenheit veränderten v.a. die Zeitzeugen seine Funktionen und Wirkungen. Der Bunker hörte auf, bloß Nazi-Monstrum zu sein. Dokumentationen und v.a. die mündlichen Berichte schienen ihn umzugestalten, geradezu wie der Bildhauer einen Stein. Zwar blieb er Monument der Naziverbrechen, gleichzeitig aber nun auch negatives Nach­bild der Synagoge, Kontrast zu sich selber. Der gesamte Ort wurde Zeitzeuge und alles andere als ein Nazi-Museum oder nur ein Mahnmal. Dies wirkte dann auch dialogisch auf die Berichte und die Person der Zeitzeugen zurück: es machte ihre Verfolgungsgeschichte wirklichkeitsnäher und gegenwärtiger, stellte diese gewissermaßen vor die Betonmauern und grundierte ihre Lebensgeschichten sowie die Bilder und Dokumente unserer Ausstellungen mit dunklen gewalttätigen Schatten.

Aber gleichzeitig war es auch so, als ob sich etwas von der zer­störten Synagoge auf den Bunker übertragen hätte – ein Transfer aus dem Unter­grund, der von manchen mit einer radioaktiven Strahlung verglichen worden ist. Bei manchen Überlebenden und Besuchern schien sich Vergangenheit zu reaktivieren, etwa wenn sie den Bunker Englisch sprechend betraten und beim Verlassen Frank­furter Dialekt redeten oder schon beim Betreten des Bunkers ihre Kipa aufsetzten.

Vergegenwärtigungen –  das „neue Erinnern“

Unübersehbar wurde auch, was die Berichte und Dokumente der Verbrechen in den Köpfen der Besucher des Ortes und der Mitglieder der Initiative auslösten: sie erzeugten Phantasien, Mitgefühl, Ergriffenheit, Schreck und Empörung; eher unwillkürliche innere Ausformungen der hier sich materiell manifestierenden Geschichte und der berichteten Geschichten. Was der Ort innerlich auslöste, ist letztlich das, was Kermani als „Vergegenwärtigungen“ bezeichnet hat. Heute müssen wir sagen: im Kern ist dies der Vorgang, der Erinnern ausmacht. Die hier präsentierten Dokumente, Veranstaltungen, Filme, die Konzerte usw. bekamen durch diesen Ort, seine geschichtliche Realität (durch die stimulierenden Wirkungen der Betonmauern, seine bedrückende Kälte und Leere und durch das Wissen dessen, was in der Erde verborgen liegt) einen besonderen Realitätswert verliehen. Mehr als üblich enthielt die Wirklichkeit das, was die Psychologie Hinweisreize nennt. Aber was sie stimulierten waren innerlich aufsteigende Nacherlebensprozesse, Phantasien und Empfindungen, die über das, was wir gewöhnlich als „Sich-Erinnern“ bezeichnen, weit hinausgehen.

Es gleicht dann dem, was Goethe mit „Vergangenes mit der Seele suchen“ gemeint haben könnte. Dabei wird (so wenig es „objektive“ Geschichtsschreibung überhaupt gibt) Historisches eben nicht originalgetreu reproduziert, sondern in die eigene Geschichte eingebettet, mit ihr verschmolzen, durch diese ausphantasiert, aufgeladen oder ergänzt. Vergegenwärtigungen stellen insofern „erlittene innere Ausgrabungen“ dar, die aus dem eigenen Inneren den äußeren präsentierten Hinweisen, dem Dokumentierten, erzählter Geschichte und den Dingen, die man am realen Ort vorfindet, innerlich mäandernd hinzugefügt werden. Das nimmt den Originalrelikten nichts von ihrem autochthonen Erinnerungswert.

Aber bei diesen „Ausgrabungen“ findet man immer auch sich selbst im Anderen und in den anderen Objekten wieder. Man findet nicht nur identifizierend emotionale Berührung mit historischen Personen, Gruppen oder Dingen, sondern vor allem Teile in „ihnen, der auch ich selber bin“, so Friedell. Vergegenwärtigung mobilisiert damit eigene Geschichte, ein wie immer auch begrenztes Unglück des eigenen Lebens, in eigener Familie und in aktuellen Beziehungen. So geht z.B. das innere Bebildern der Schicksale der Überlebenden zumindest annähernd von einem eigenen, von einem, wie Korn Heine zitierend sagt, „verwandten Schmerz“ aus. Dies, ohne Differenzen zwischen dem eigenen und den fremden Schicksalen zu verwischen. Die aus der eigenen Lebensgeschichte stammenden Affekte und Gefühle bilden in gewisser Weise das Herzstück für diesen Nachvollzug. Friedell geht sogar so weit zu behaupten, dass dieser Bruchteil „alles sei, was ich von ihrer Seele überhaupt erfahren kann“. Letztlich ist dies dann auch das Wesen von Mitgefühl und Mitleid. Wenn wir die hier ausgelösten eigenen Emotionen und die der Besucher richtig deuten, so lassen sich diese mit dem Begriff „Trauerarbeit“ nicht richtig fassen.

Weckt der Ort einen besonderen „Erinnerungsmodus“?

 Wesentlich scheint uns, dass es als eine Art Vorbedingung für dieses vergegenwärtigende Erinnern einen Zustand der Nachdenklichkeit, ja der Trance braucht. Dies wird durch das Ambiente, die besondere Innenarchitektur, die Leere und Rohheit der Bunkerräume besonders begünstigt. Die Besucher können hier ganz für sich sein, sich in räumlichem Abstand von anderen halten, sich einer gewissen Entrücktheit, den inneren Einfällen zur Geschichte, den Dokumenten und den eigenen Begleitbildern überlassen. Die Leerräume erweisen sich nun als Lehrräume. Das ist völlig anders als in vielbesuchten Museen. In den Ausstellungen der Initiative behalten alle Exponate dauerhaft ihren Platz, kann man den unveränderten Ort mit seinen Synagogenfundamenten, dieselben Bilder immer wieder aufsuchen und sich so auch selbst vielmals „nachuntersuchen“. All das steht quer zu dem Modell der „auswendig gelernten Vergangenheiten“ (Huyssen).

Aber der Ort und insbesondere der Bunker intensivieren auch besondere Sinneswahrnehmungen, Wahrnehmungen diffuser Art speziell leiblicher Natur. Treffend charakterisiert werden diese, wenn man heute zu den Einschusslöchern in der Synagogentür von Halle sagt, dass sie „ins Herz“ gehen. Das ist mehr als eine Metapher. Die Bunkerräume wecken Erlebnisvorgänge, die sich eher im Körperinneren abspielen. Es handelt sich dabei um eine Wahrnehmungsregression, eine Rückkehr in einen quasi frühkindlich-schutzlosen, vielleicht sogar intrauterinen Empfindungszustand, einen Zustand, der einen klaren Trennungsstrich zwischen eigenem und fremdem „Leib“ nicht kennt. Das Erleben betrifft ein „leiblich Unbewusstes“, es spricht dann der sprachlose Körper, ohne dass man seine Rede genau versteht.

Wir wissen heute, dass dieser Erlebnismodus in der frühen nachgeburtlichen Organismus – Mutter-Beziehung begründet wird und mit einer besonderen Disposition für Traumatisierungen einhergeht. Aufgrund ihrer Arbeit mit Koma-Patienten postulieren die Freiburger Traumaforscher Sauer und Emmerich sogar, dass dieser Erlebnistyp auf einer intrauterinen, also vorgeburtlichen Situation aufbaut, einer eher grenzenlosen körperlichen Verbindung von Mutter und Fetus. Während manche Besucher das Bunkerinnere mit seiner räumlichen Nähe zu den Synagogenresten wie eine Grabkammer erlebt haben, führte dieses Körperleben bei anderen dazu, dass der Bunker wie eine gebärmutterähnliche, eher „flüssige“ Hülle erlebt wird und nun auf spezifische Weise äußerst empfindlich macht und irritiert.

Der „Schutz“-Bunker

Es war sinnvoll, dass man sich in der Frühzeit der Initiative nicht mit dem Schicksal der im Bunker Schutzsuchenden, ihren Ängsten und Phantasien beschäftigt hat. Dieses Thema kennzeichnete ja das Wesen der Erinnerungskultur der Nachkriegsgeschichte: Vergessen gemacht werden wollte, dass dieser Bunker Tatort war. Auch bis heute noch wird das hier im Bombenkrieg Erlebte vielmehr dazu benutzt, eine Gegenrechnung gegen die Nazi-Verbrechen aufzumachen, im Sinne einer Gleichsetzung der Täter mit ihren Opfern und letztlich zu ihrer Entschuldung.

Heute ist es angebracht, solche Stimmen zu beachten, um sie für psychohistorische Erkundungen auch dieser Wirkungen des Bunkers in der Nazizeit sowie Nachkriegszeit und Gegenwart zu nutzen, weil sie die Verleugnungstechniken der realen Verbrechen gut zu erkennen geben. Was also mögen jene empfunden und imaginiert haben, die hier Schutz suchten? Was dachten sie, wenn sie den Bunker betraten mit der Asche der Synagoge vor den Bunkertüren an den Füßen? Konnten sie noch ignorieren, was sie zuvor angerichtet hatten und was dann nach Auschwitz führte, wo zur gleichen Zeit an eben jenen, denen dieser Ort einmal heilig gewesen war, genau das exekutiert wurde, vor dem diese gerade bewahrt blieben: Ersticken und Verbrennen, perverser Weise in bunkerähnlichen Gebäuden? All dies ist bisher kaum erforschte Psychologie. Natürlich kann man sie nicht mehr erfragen. Aber man kann sie erkunden, wenn man auch in Bezug auf diese Menschen sich auf Vergegenwärtigungen ihrer Situation einlässt und sich fragt, was der Staub im Bunker auch heute noch „aufwirbelt“, dann in der Luft hängt und eingeatmet wird; wenn man die gleichen ausgetretenen Treppenstufen benutzt oder fragt, was die tiefen Löcher in den Bunkerwänden bedeuten und wie sich die Menschen hier gefühlt, was sie hier gedacht haben. Oder erzeugten die Verhältnisse im Bunker bei Bombenangriffen eher besondere Ausnahmezustände, „altered states of consciousness“, die zu einer Abspaltung von Erinnerungen und Schuldphantasien führten und in Folge einer „doppelten Buchführung“ weiterwirken?

Heute sind wir besser in der Lage, diesen Wiederhall anzuhören, weil die Umgestaltung des Ortes durch die Initiative dies möglich gemacht hat. Wie dieser „Wiederhall“ sich unwillkürlich und szenisch darstellen kann, zeigt im Bunker ein Arrangement von Figurinen: in einer früheren Version der Ostendausstellung waren aus Fotografien von Synagogenbesuchern einzelne Personen ausgeschnitten und metergroß auf frei aufstellbare Holzplatten aufgezogen und aufgestellt worden. Nach Umbau der Ausstellung und um sie nicht wegzuwerfen, waren sie dann scheinbar zusammenhanglos in die verschiedenen Ausstellungen platziert worden. Hier tauchen sie nicht nur überraschend auf, sondern wirken plötzlich wie Lebende und erschrecken geradezu durch ihre unerwartete Anwesenheit. Sie erschrecken, weil sie wie reale Besucher aus vergangenen Zeiten empfunden werden, „revenants“, die – aus dem Untergrund der Synagogenfundamente aufsteigend – sich unter die realen Besucher mischen. Beide bilden eine Szene, die – wenn auch nur für Sekundenbruchteile – Vergangenheit und Gegenwart in einem Ensemble zusammenziehen, bis man sich über den „Irrtum“ klar wird. Ist das das Modell für die Wahrnehmung des Ortes in der Nazizeit?

Erinnern? – Aufklärung und Erschrecken!

In welche Richtungen die Assoziationen am Ort auch immer führen, sie haben eines gemeinsam: das bloße „erinnere Dich!“, so muss man heute sagen, reicht nicht hin, um Wiederholungen von Geschichte zu verhindern. Das wird einem endgültig klar, wenn man sich vor Augen hält, dass „Erinnern“ handlungsgetreu gerade auch die Parole von Neonazi-Tätern ist. Diese erinnern mit dem Ziel, antisemitische Verbrechen zu wiederholen. Die Nazis haben nichts vergessen, alles ist kontinuierlich da: Hass, Paranoia, Wahngewissheit, Vernichtungswillen. Das Morden in der Nazizeit nehmen sie als Handlungsvorlage. Es ist ein Erinnern im Dienste der Zerstörung. Die Tat von Halle 2019 gleicht nicht zufällig jener von 1938 am Ort Friedberger Anlage, sie ist ein „Remake“. Dieses Erinnern macht nicht Hoffen, sondern Fürchten. Und mit Verweis  auf Freud sei gesagt, dass Erinnern aufs Engste mit „Wiederholen“ verschwistert sein kann. 

Es gehört zu den Erkenntnissen der Initiative, auf eine Erinnerungsmethode gestoßen zu sein, die über eine „Psychoarchäologie“ weit hinausgeht und dem „erinnere Dich!“ eine neue Qualität verschafft. D.h. der Ort Friedberger Anlage stellte für unsere Initiative Bedingungen bereit, die mehr möglich machten als historische Forschungen und museale Darstellungen. Der Ort ermöglichte es, ganz praktisch einen Zerstörungsakt herauszuarbeiten. Das hieß vor allem anderen, durch eigene Erkundungs-Grabungen hinter dem Bunker die von Anfang an bestehenden Vermutungen zu bestätigen und später professionell bestätigen zu lassen, dass hier noch steinerne Reste der Synagoge im Erdreich liegen, nach denen man sich bücken, die man in die Hand nehmen kann.

So fanden sich dicht unter der Erdoberfläche Mauerreste, Kacheln und Teile von Fundamenten. Weniges konnte uns innerlich mehr erschüttern als eine in der Erde gefundene mehrere Millimeter dicke Glasscherbe, die geschmolzen und rauchgeschwärzt war und ganz offensichtlich von einem Synagogenfenster stammte. Es war dies ein Relikt, das einen Blick in die Vergangenheit preisgab. Vergleichbar der Armbanduhr aus Hiroshima hatte es den alles zerstörenden Brandvorgang am 10. November 1938 minutiös genau konserviert.

Solche Funde sprechen lauter als Imaginationen und eindringlicher als Filme. Zu dem Erschrecken, das sie auslösen, gehört, dass sie neben Hilflosigkeit und Mitgefühl immer auch Wut- und Rettungs­phantasien wecken, affektgeladene Gegenbildungen, die die Geschichte nachträglich aufhalten oder ungeschehen machen wollen. Und sie lassen schließlich einen Handlungsdrang entstehen, der darauf zielt, Vergleichbares nie mehr zuzulassen.

Solche Erlebnisse zwangen uns, hinter die ersten zentralen Zielbegriffe der Initiative – verlangtes Erinnern, verlangte Trauerarbeit – Fragezeichen zu setzen. Der Ort provozierte neue Antworten, welche Methoden wirkungsvoller aufklären helfen, was praktisch getan werden kann und muss, um sich dem Antisemitismus entgegenzustellen. Betrachten wir unsere eigenen Reaktionen auf den Mordanschlag von Halle, auf die 20 Löcher in der Synagogentür, so ist es wie beim Auffinden der schwarz geschmolzenen Glasscherbe (oder der beschädigten Armbanduhr von Hiroshima oder den Fotos der Vernichtungsaktionen der SS bei der Wehrmachtsausstellung, die die Initiative durch Gruppengespräche begleitet hat): es geht letztlich um Erschrecken.

Der Schreckaffekt ist also ein wesentlicher Aspekt der Aufklärung. Dabei lösen sich für Sekundenbruchteile die Ich-Grenzen auf, dringen Eindrücke des Zerfalls „diaplazentar“ in den ganzen Körper, „ins Herz“ ein und vermitteln in einer Art Anfall eine Ahnung oder sogar Androhung des Unterganges des Selbst und gleichzeitig der Welt. Dann verbindet sich unser Ich mit dem von Anderen und Anderem, denen etwas zugefügt worden ist. Unser Ich erfährt dann das, was der Analytiker Paul Schilder als Appersonisierung bezeichnet hat. Geht man dem weiter nach, erscheint dieser Schreckaffekt zugleich auch als ein Kippvorgang, der eine Rettungsperspektive aufzeigt. Im Zusammenzucken des Körpers und der Seele möchte er eine Aktivität als befreienden Gegenreflex auslösen. Und wenn man diesen Schreck nicht abwehrt oder in Fluchtreflexe verwandelt, kann er sich – ebenfalls reflexartig – in Mitgefühl verwandeln und dann in Impulse, sich anders zu verhalten. Auf diesen Schreck-Reflex ist also zu hoffen und zu setzen. Mehr als alles andere macht das deutlich, dass „Erinnern“ nicht auf Kommando abgerufen werden kann, sondern letztendlich immer auch erlitten wird, dass es einen zwischen aktiv und passiv hin- und herschwanken macht.

Das hat ganz unmittelbar Konsequenzen für die weiteren Ziele der Initiative 9. November. Es verlangt heute dringlicher denn je, die Fundamente der zerstörten Synagoge freizulegen, dass sie einem im genannten Sinne widerfahren. Dazu gehört unumgänglich die erweiterte Nutzung des Bunkers. Denn dieses Bauwerk, das die Nationalsozialisten 1942 in der Senke der zerstörten Synagoge von Zwangsarbeitern errichten ließen, zeigt und erläutert den Vernichtungsschlag selbst und zugleich seine Wirkungen, führt einen Schreckensakt vor Augen und ist, wenn man den Ort als Wunde, Vernichtung von Kultur verstehen will, alles andere als bloß störend, wie manche meinen, sondern entlarvend – in produktiver Weise bedrückend.

Die Synagogenreste jetzt also nicht auszugraben, sie gar zu beseitigen, ihr provokatives Erinnerungsvermögen unsichtbar zu lassen, wäre ein Frevel. In der Erde dieses Frankfurter Ortes liegen viele durchschossene Synagogentüren. Sie auszugraben ermöglicht einen Blick zurück und zugleich in eine heute wieder drohende Zukunft, die es aufzuhalten gilt. Die zerschossene Tür von Halle, die nicht entsorgt worden ist, erzeugt immer ein „was wäre wenn….“. Alles am Ort Friedberger Anlage zu beseitigen oder zu glätten, „schön“ und „gefällig“ machen, wäre geschichtslos, eben „Frauenfriedenskirche“.

          W. Leuschner